Schrebergarten war gestern, Urban Gardening ist das neue Ding. Hinter dem international klingenden Namen steht zunächst etwas sehr Bodenständiges: Urban Gardening, oder auch Urbaner Gartenbau, ist im Grunde genommen nichts anderes als Gartenarbeit in der Stadt. Oder, um es im Bürokratendeutsch auszudrücken: Urban Gardening bezeichnet die meist kleinräumige, gärtnerische Nutzung städtischer Flächen inerhalb von Wohngebieten oder in deren direktem Umfeld.

Die Idee von Gärten und landwirtschaftlich genutzten Flächen in Städten ist keine neue. Im Gegenteil: Gärtnern in der Stadt gefiel auch schon den alten Griechen und Römern. Die Stadtbürger der Antike und des Mittelalters waren bereits Ackerbürger und eigene Gärten um die Häuser waren ein fester Bestandteil des Stadtbilds. So richtig in wurde es in Deutschland aber erst im 19. Jahrhundert: Schrebergärten an den Stadträndern oder Kleingartenkolonien gibt es schon seit damals.

Während die deutsche „Laubenpieperei“ aufgrund ihrer vielen Regularien und Gartenzwergidylle als Sinnbild des Spießertums verschrien ist, entwickelte sich mit Urban Gardening eine Art Gegenentwurf zum Gärtnern als Ausdruck der deutschen Gemütlichkeit. Die urbane Gartenbewegung, die seit Mitte der 90er Jahre stetig wächst, hat ihre Wurzeln allerdings ganz woanders: in den New Yorker Gemeinschaftsgärten der Siebzigerjahre.

Die sogenannten Community Gardens waren – und sind – grüne Oasen auf innerstädtischen Brachen mit Blumenbeeten und Gemüseanbau zur Selbstversorgung. Das besondere an diesen Gärten ist, dass sie gärtnerische wie auch ernährungspolitische und ökonomische Aspekete miteinander verknüpfen und die gängigen Lebensansichten kritisch betrachteten. Erinnert sich noch jemand an den Film „Green Card – Scheinehe mit Hindernissen“ mit Andre Macdowell und Gérard Dépardieu? Dort spielte das „Guerilla Gardening“, wie Urban Gardening mitunter genannt wird, eine große Rolle. Die Idee eines Gärtnerns nicht nur um des Gärtners willens verbreitete sich auch im wahren Leben rasch in ganz Nordamerika und der offizielle Begriff „Urban Gardening“ war geboren.

Urban Gardening – was ist das Besondere?

Urban Gardening erlebt in den letzten Jahren wachsendes Interesse und beschäftigt sich nicht nur mit Nachhaltigkeit, sondern auch sozial-politischen Aspekten. Aus ökologischer Sicht dienen die kleinen Gärten der Verwertung organischer Abfälle, sogenanntes lokales Recyling, sie reichern die Luft mit Feuchtigkeit an und fangen Regenwasser auf, das sonst ungenutzt in die Kanalisation fließen würde. Auch Insekten und andere Stadtbewohner haben etwas von den Gärten, da der Anbau von lokalen Nahrungsmitteln zum Erhalt von Sortenvielfalt beiträgt und lange Transportwege und den damit verbundenen hohen Ausstoß von Kohlendioxid vermeidet.

Auch Engpässe in der Versorgung des städtischen Raums mit Lebensmitteln können so überbrückt werden. Denn wie der Streik von britischen Lastwagenfahrern und Landwirten im Jahr 2000 in Großbritanien und Naturkatastrophen wie der Hurrikan Katrina im Jahr 2005 gezeigt haben, ist der Lagerbestand von Supermärkten insbesondere bei verderblichen Waren auf einen Verkauf innerhalb von drei Tagen ausgerichtet, so dass es in Großstädten nach drei Tagen zu massiven Versorgungsengpässen kommen würde. Praktisch, wenn eine Stadt ihre Bürger mit selbst angebautem Obst und Gemüse versorgen kann, anstatt auf Hilfe von außen zu hoffen.

Aus sozialpolitischer Sicht beleben insbesondere gemeinschaftlich genutzte Gärten den öffentlichen Raum und schaffen neue Orte der Begegnung und des Austauschs. Nachbarn lernen sich beim gemeinsamen Graben kennen, Menschen verschiedener Kulturkreise tauschen gärtnerisches Wissen und Erfahrungen aus. Im besten Falle wachsen mit den Blumen und Pflanzen auch die Gemeinschaften. Durch Urban Gardening gewinnen Stadtteile an Lebensqualität, indem sie miteinander in Verbindung treten und ihren Kiez verschönern. Nebenbei und auch gezielt entstehen praktische Lernorte für Kinder und Jugendliche. Dass ein Stadtkind nicht mehr weiß, wie ein Gänseblümchen aussieht oder wozu Bienen notwendig sind, das kann mit einem urbanen Garten geändert werden.

Urban Gardening wird immer beliebter

Nicht zuletzt ist Urban Gardening auch ein Mini-Modell für Städte der Zukunft, in denen Nahrungsmittelanbau und Stadtleben wieder stärker miteinander verbunden sein sollen. Auch wenn weltweit die Zahl der Stadtbewohner wächst und demnächst zwei Drittel aller Menschen in Städten leben werden, schrumpfen viele mittlere und kleine Städte. Mit dem Standortwechsel von Firmen und Werkstätten und dem Verlust von Arbeitsplätzen zieht es viele Menschen in die großen Metropolen. Mit ihnen siedeln die Geschäfte und Unternehmen um. Viele Gebäude und Flächen werden nutzlos und verlassen. Doch der entstandene Freiraum birgt auch neue Möglichkeiten mit sich, so dass man mittlerweile in fast allen Städte spannende und innovative urbane Gartenprojekte, wie die High Line in Manhattan findet.

High Line

Die High Line ist eine über 2,33 km erhaltene, aber nicht mehr als solche genutzte Hochbahntrasse im Westen von Manhattan, die seit 2006 zu einer Parkanlage, dem High Line Park, umgebaut wird. Der erste Abschnitt wurde im Juni 2009 der Öffentlichkeit übergeben. Es handelt sich um einen ehemaligen Streckenabschnitt der West Side Freight Line, auf der ausschließlich Güterverkehr betrieben wurde. Nun wurde dort eine interessante und abwechslungsreiche Umwelt geschaffen, die sich wie eine flussähnliche Oasis durch die städtischen Nachbarschaften der Westseite von Manhattan erstreckt. Diese enge Passage wurde bepflanzt mit einer großen Anzahl von Bäumen, Büschen, Gras und Blumen.

Urban Gardening
Photo by David Berkowitz / Flickr (License: CC BY 2.0)

 

Teile dieses Parks sehen aus wie ein klassischer Park mit Rasen und Sträuchern, die beschnitten sind. Andere Teile erinnern an einen Wald mit Bänken im Schatten. Einige Strecken haben die alten Bahnschienen und hölzernen Balken bewahrt wie antike Schatten der Vergangenheit. Der Park hat abgelegene Ecken, mehrstufige Terrassen, Kunsteinbauten und Gegenden, wo man sich aufhalten kann. Obst und Gemüse angebaut wird auf der High Line (noch) nicht. Die New Yorker haben den Park aber sehr gut angenommen und sprechen von „ihrem“ Garten. Ein grüner Ort inmitten der Wolkenkratzer, bei dem man entspannen und sich begegnen kann. Manchmal muss man eben nicht selbst Hand anlegen, um sich als Gärtner zu fühlen.

Urban Gardening in Berlin

Berlin hat die Vorteil des Urban Gardening erkannt und unterstützt eine Vielzahl an Gartenprojekten. An rund 200 Standorten wird in der Hauptstadt urbaner Gartenbau und Landwirtschaft im kleinen Maßstab betrieben. 24 von ihnen sind sogenannte interkulturelle Gärten und Migrantenprojekte, wie auch die folgenden, die wir Euch kurz vorstellen möchten.

Prinzessinnengarten

Der Prinzessinnengarten am Moritzplatz im Berliner Ortsteil Kreuzberg ist ein mobiler Garten, der seit 2009 von engagierten Anwohnern in einen Nutzgarten für urbane Landwirtschaft umgewandelt wurde. Die ehemalige Brachfläche zwischen Prinzen- und Oranienstraße wird jährlich von der Stadt angemietet und für Urban Gardening zur Verfügung gestellt. Die Gebäude bestehen aus Containern; die Pflanzen befinden sich in recycelten Bäckerkisten, Tetra Paks und Reissäcken, sodass der Garten jederzeit mobil ist.

Der Garten wird von der gemeinnützigen Organisation Nomadisch Grün betrieben, dessen Ziel die „Umwandlung von Freiflächen in produktives Grün“ ist. Sie wollen Orte schaffen, an denen man gemeinsam Lernen und Dinge ausprobieren kann. Für Kinder gibt es Spielflächen auf dem Gelände, für Schulen und Kindergärten gibt es thematische Führungen und immer wieder finden Veranstaltungen statt. So gibt es zum Beispiele regelmäßige Dinner-Abende oder eine Art Kaffeekränzchen, bei dem selbstverständlich die selbst angebauten Produkte angeboten werden.

Himmelbeet Berlin

Ähnlich ist auch das Himmelbeet im Berliner Stadtteil Wedding. Das Himmelbeet vereint in seiner Arbeit soziale und ökologische Aspekte, fördert das ehrenamtliche Engagement und die Einbindung der Anwohner, in ihre Umgebung. Urban Gardening bedeutet im Himmelbeet Berlin den Anbau alter, regionaler und seltener Lebensmittelsorten, Erhalt der Artenvielfalt und das nachhaltige Nutzen gebrauchter Materialien. Das Himmelbeet führt regelmäßig Veranstaltungen durch und ist immer auf der Suche nach Unterstützern und Mitmachern.

Tempelhofer Feld

Auch auf dem ehemaligen Gelände des Flughafens Tempelhof ist Urban Gardening in aller Munde. Zwischen 700 und 1000 Menschen beackern hier etwa 300 Hochbeete. Ein fast schon anarchisch anmutender Ort: 5000 Quadratmeter Grün, auf denen sich jeder auf seine Weise gärtnerisch verwirklichen kann. Die Gärten auf dem Tempelhofes Feld sind das Gegenteil des klassischen Schrebergartens: Keine Regularien, die vorschreiben, wie hoch die Hecke zu sein hat, wieviel Gemüse oder Obst angepflanzt werden muss und welche Farben erlaubt sind oder nicht. Ein freier Ort, der nicht an den Ordnungssinn des Menschen gerichtet ist, sondern die Schönheit und Einzigartigkeit der Natur und der schöpferischen Kreativität feiert. Es gibt dort ganz bewusst keine Zäune, so dass sich Gärtner sich untereinander austauschen und eine Gemeinschaft bilden können.

Mitmachen? Werde urbaner Gärtner!

Beim Urban Gardening mitzumachen ist recht einfach. In fast allen großen Städten innerhalb Deutschlands gibt es Initiativen, die sich immer über Interessierte freuen. Ein spannendes Projekt ist auch die Baumscheibenbepflanzung. Wer in einer Großstadt in einem Mehrparteienhaus wohnt, kennt sicherlich die meist trostlosen Flächen, auf denen die Bäume auf der Straße eingepflanzt sind. Manchmal tun sich Anwohner zusammen, um aus diesen so genannten Baumscheiben kleine Mikro-Gärten zu gestalten. Wie schön es anzusehen ist, wenn auf dieser kleinen Fläche plötzlich bunte Sonnenblumen oder gar Tomaten ranken!

Der BUND unterstützt viele Baumscheiben-Bepflanzungsprojekte, Infos gibt es zum Beispiel hier.

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Photo by M. Dolly / Flickr (License: CC BY-SA 2.0)

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Über die Autorin: Sandra hat Publizistik- und Kommunikationswissenschaften studiert. Sie lebt und arbeitet in Berlin. Ihre Leidenschaften sind Nachhaltigkeit, sowie die Unterstützung der nachhaltigen Fischräucherei ihres Bruders. Die passionierte Teetrinkerin ist seit Happy Coffee auch zu einem Kaffee-Fan geworden.


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