Überfischung als Folge gestiegenen Fischkonsums

Über 1,3 Millionen Tonnen essen die deutschen pro Jahr – das entspricht einem pro-Kopf-Verbrauch von über 15 Kilogramm. Im Vergleich zum Spitzenreiter , den Malediven mit über 140 Kilogramm pro Kopf, mag das wenig klingen, doch der Fischkonsum steigt. Das führt die Fischereiwirtschaft sowie Umweltorganisationen vor neue Herausforderungen, denn die Überfischung und Ausrottung einzelner Fischarten ist eine unglückselige Folge des gestiegenen Fischverbrauchs.

Fisch essen ist „in“

Fisch wird als gesundes, leichtes Nahrungsmittel mehr und mehr geschätzt. Während vor allem in den Achtziger Jahren Umweltskandale und Wasserverschmutzung sowie Antibiotikaeinsatz in der Aquakultur zu einem Negativ-Image führte und der Konsum von Fisch stark zurückging, ist der Pro-Kopf-Verbrauch in den letzten Jahren wieder deutlich angestiegen. Immer mehr Fisch kommt auf die Teller der Deutschen, dabei können Verbraucher aus über 660 Fisch- und Meeresfrüchtearten wählen. Doch was die Fischereiindustrie freut, ist des anderen Leid. Die Überfischung der Weltmeere führt dazu, dass mehr und mehr Fischarten vom Aussterben bedroht sind.

Starke Überfischung bedroht den Roten Thunfisch

Vor allem der Rote Thunfisch, auch als Gelbflossenthun bekannt, ist mittlerweile stark überfischt. Nur noch ein kleiner Bruchteil des einst so zahlreich vertretenen Meeresbewohners ist in den Ozeanen zu finden. Kein Wunder: Thunfisch ist beliebter denn eh und je. Und seitdem auf den Thunfischdosen, die man im Supermarkt kaufen kann, kleine Siegel angebracht sind, die garantieren wollen, dass beim Thunfischfang kein Delfin-Beifang zu befürchten ist, meinen die Verbraucher auch wieder guten Gewissens zum Thunfisch greifen zu können. Doch dass auch diese vermeintlich schonende Fangmethode großen Schaden anrichten kann, wissen die wenigsten. Thunschwärme werden mittels moderner Satteliten-Techniken aufgespürt und mit kilometerlangen Netzen eingefangen. Bei dieser Art des Fischfangs wird meist der gesamte Schwarm entnommen, dabei gibt es keinerlei Fluchtchance für einzelne Tiere, die zur Erhaltung der Art beitragen könnten. Unlängst wurde ein Tier von 220 kg Gewicht in Japan für 1,5 Millionen Euro versteigert was deutlich macht, wie selten dieser Fisch geworden ist.

Zertifizierte Aquakultur als Alternative

Welch schlechten Ruf hatte die Aquakultur jahrzehntelang. Antibiotika, Impfungen, Fischkrankheiten – die Liste der Unappetitlichkeiten ist lang. „Völlig zu Recht,“ ist Michael Wickerts Meinung zu dem negativen Image, das Zuchtfisch jahrelang anhaftete. Der studierte Fischereiwissenschaftler erlangte seine Erkenntnisse nicht nur aus der Forschung, sondern auch als Leiter von Forellenfarmen in der Schweiz und in Frankreich.

„Da habe ich gesehen, wie man es machen soll und wie nicht.“

Mittlerweile hat der leidenschaftliche Angler umgesattelt und widmet sich der Fischveredelung. In seiner kleinen Räucherei in der Markthalle Neun in Berlin-Kreuzberg räuchert und veredelt er nur Fische, die aus nachhaltigem Fang oder zertifizierter Aquakultur stammen. „Der Europäische Aal zum Beispiel, ein klassischer Räucherfisch, kommt bei uns nicht in den Ofen. Den sollte man einfach eine Weile lang in Ruhe lassen.“ Wickert verfolgt die News aus Wissenschaft und Praxis, um immer auf dem Laufenden zu sein, welche Fischart gefährdet ist und welche man bedenkenlos essen kann.

Und dass wir Aquakultur in der Zukunft brauchen, um den weltweiten Fischhunger zu stillen, ist unumstritten. Weltweit werden pro Jahr insgesamt ca. 140 Millionen Tonnen Fisch- und Seafoodprodukte geerntet, davon stammen über ein Drittel aus Zuchtbetrieben. Auch hier gibt es mittlerweile neben konventionell gezüchteten Fischen und Garnelen Bio Betriebe die zum Beispiel in Deutschland von Naturland und Bioland zertifiziert werden. Bio in der Aquakultur bedeutet unter anderem mehr Platz für die Fische und dass das verwendete Fischmehl im Futter nur aus Resten der Fischverarbeitung stammt – also nicht extra dafür Fisch gefangen wird. Zu wenig Fisch in einem Teich kann aber auch Probleme verursachen, zum Beispiel wenn Ablagerungen im Fischbecken entstehen, die durch zu wenig Bewegung und Verwirbelungen die Entwicklung von Krankheitserreger begünstigen. In diesem Fall darf auch bei Bio-Fischen Antibiotika verfüttert werden.

Bei den konventionell erzeugten Fischarten, allen voran dem norwegische Lachs, ist die Menge der verwendeten Antibiotika in den letzten 30 Jahren um 98% zurückgegangen, während sich die Produktion mehr als verzehnfacht hat. Der Grund dafür ist denkbar einfach: Der Fisch wird im Jungstadium einmalig geimpft und ist somit für die meisten Krankheiten resistent. Zudem werden jährlich die Zuchtbecken in den Fjorden neu verlegt, was für die Fische stetig frisches Wasser und für die Umgebung eine geringfügige und einmalige Beeinträchtigung mit Futterresten bedeutet. Bei einigen anderen Aquakulturprodukten ist die Zucht fragwürdig, allen voran der Pangasius (mittlerweile zur Irreführung auch Wels gennant – nicht zu verwechseln mit dem schmackhaften und heimischen Waller) aus Asien. Hierauf sollte momentan man ganz verzichten.

Labels und Organisationen gegen Überfischung

MSC

Bild: Marine Stewardship Council

Mit Interesse betrachtet er das Umdenken, das bei Produzenten und Verbrauchern einzusetzen scheint. Mit der enormen vorhandenen Vielfalt und Fisch und Meeresfrüchten steigt auch das Interesse des Verbrauchers an Herkunft und Aufzuchtbedingungen des Fisches. Das machen sich Organisationen und Hersteller zu Nutze. Immer mehr Zertifizierungs-Labels und Organisationen drängen auf den Markt. Allen voran das mittlerweile bekannte MSC-Siegel das einst vom Branchenriesen Unilever in Kooperation mit WWF gegründet wurde. Die Abkürzung MSC steht für „Marine Stewardship Council“ und weist auf nachhaltig gefangenen Fisch hin. Es setzt ein bestimmtes Bestandsmanagement vom Fischer voraus und erlaubt nur den Fang bestimmter Arten in ausgewiesenen Fanggebieten mit nur beschränkten Fangtechniken. Umweltschützer bemängeln jedoch zu lockere Vorschriften und Fangquoten, jedoch ist es ein Schritt in die richtige Richtung.

Der WWF Einkaufsratgeber für Fisch und Meeresfrüchte – praktisches Tool im Kampf gegen Überfischung

Michael Wickert richtet sich bei seinem Fischangebot nach den Empfehlungen des WWF Einkaufsratgeber für Fisch und Meeresfrüchte. Damit kann jeder – auch völlige Fisch-Laien – auf einen Blick sehen, von welchen Fischen man lieber die Finger lassen sollte und welche grün gelistet, also in Ordnung sind. Auf Fische aus Turbomastbetrieben, wie zum Beispiel in der Türkei, in Spanien oder in Chile verzichte er ganz. Glücklicherweise hat sich aber in der Aquakultur einiges getan. Vor allem die Norweger sind führend was gute Aufzuchtbedingungen und Ernährung der Zuchtfische angeht.

Fischbestände Datenbank dokumentiert Überfischung

Das Johann Heinrichs von Thünen Institut brachte 2010 die Datenbank „Fischbestände online“ heraus. IN Zusammenarbeit mit der deutschen Fischwirtschaft werden dort Fischbestände von elf Fischarten dokumentiert und überwacht.

Gemeinsame Fischereipolitik der EU – Fangquoten gegen Überfischung

In der Gemeinsamen Fischereipolitik (GFP) hat die Europäische Union ihre Vorschriften zur Reglementierung der Fischerei niedergeschrieben. Fanquoten bestimmen, welche Fischarten von den Fischern von einem bestimmten Fischbestand in einem bestimmten Zeitraum gefischt werden dürfen. Festgelegt werden diese Regeln durch wissenschaftlichen Empfehlungen des Internationalen Rates für Meeresforschung (ICES).

Irrsinnige Fangquote? Hugh’s Fish Fight

Der britische Fernsehkoch Hugh Fernley-Whittingstall ging mit seinem medienwirksamen „Fish Fight“ gegen die irrsinnigen Nebenerscheinungen der Fangquotenproblematik vor. So werfen Fischer oftmals bereits gefangenen Fisch von Bord, weil sie auf einen interessanteren, einträchtigeren Fischschwarm gestoßen sind – sie aber aufgrund der Fangquote nicht beide Fischarten bzw. Mengen behalten dürfen. So kommt es, dass frisch gefangener Fisch, der durch den Druck beim Herausziehen des Netzes getötet wurde, leblos wieder ins Meer zurückgeworfen wird. Ein Skandal, fand Fernley-Whittingstall und demonstrierte in vielen Aktionen gemeinsam mit den Fischern, die ihn bis nach Brüssel führten. In Deutschland führte Tim Mälzer den Kampf unter dem Namen „Tim’s Fish Fight“ weiter. Dass die von Medien begleiteten und von Prominenten unterstützten Aktionen im Nachgang bei den Fischern nicht unumstritten waren und ob der Fish Fight nachhaltige Auswirkungen zeigte, ist noch zu bezweifeln. Zu Gute halten kann man der Initiative auf jeden Fall, dass sie einen Großteil der Verbraucher für das Thema der Fangquoten und der Beifangproblematik sensibilisieren konnte.

Fisch essen? Ja, aber richtig

Noch nie hatten Verbraucher so viele Möglichkeiten, zu erfahren, woher ihr Fisch stammt und unter welchen welchen Bedingungen er gefischt oder gezüchtet wurde. Mit Hilfe von Informationen wie z.B. des WWF Einkaufsratgeber für Fisch und Meeresfrüchte oder den Informationen des Fischinformationszentrums FIZ kann ein jeder aktiv dazu beitragen, dass der rücksichtslosen Überfischung Einhalt geboten wird. Mit einem guten Gewissen schmeckt doch jeder Fisch gleich besser!

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Über die Autorin: Sandra hat Publizistik- und Kommunikationswissenschaften studiert. Sie lebt und arbeitet in Berlin. Ihre Leidenschaften sind Nachhaltigkeit, sowie die Unterstützung der nachhaltigen Fischräucherei ihres Bruders. Die passionierte Teetrinkerin ist seit Happy Coffee auch zu einem Kaffee-Fan geworden.


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