Smartphone für Weltverbesserer: wie das Fairphone alles anders machen will

Mit dem Fairphone will ein StartUp aus den Niederlanden die Smartphone-Branche aufmischen. Mit nachhaltigen Herstellungsmethoden bei fairen Arbeitsbedingungen produziert, soll das Fairphone von der Utopie zu einer ernstzunehmenden Alternative auf dem hart umkämpften Telekommunikationsmarkt werden.

A seriously cool smartphone that puts social values first …

… ist der Claim, mit dem das Fairphone vom Hersteller beworben wird. Bereits in diesem kleinen Satz ist erkennbar, wo sich das Fairphone positionieren möchte. Vielleicht hatte man Sorge, dass ein Handy, das unter fairen Arbeitsbedingungen und mittels nachhaltiger Methoden produziert wird, irgendwie „uncool“ wirken könnte.

Um nicht in die vermeintlich spaßfreie Öko-Ecke gestellt zu werden, die stets den moralischen Zeigefinger hebt, soll zu Anfang gleich klargestellt werden, um was es hier geht: um ein Smartphone, das so hip und begehrt ist, dass es jeder haben möchte. So wie das iPhone eben, ohne das die digitale Bohème ja nicht auszukommen scheint – nur fairer.

Wie ein iPhone, nur fairer?

Tatsächlich erinnert das Fairphone von der ästhetischen Ausrichtung an das Apple-Smartphone. Schlank, simpel, stylisch. Auch wenn man die Website besucht, beschleicht einen das Gefühl, dass die Macher des Fairphones – zumindest ursprünglich – aus den Reihen der Steve-Jobs-Jünger stammen. Die Optik, die Farben, die Ansprache: jung, cool, emotional.

Dass das Fairphone jedoch ein bloßer, vielleicht etwas umweltfreundlicherer, Abklatsch des iPhones ist, würde der Idee allerdings nicht gerecht werden. Beim wohl ersten „fairen“ Smartphone der Welt war schon zu Beginn alles anders. Die Idee eines Smartphones, das sowohl technisch auf dem neuesten Stand sowie ästhetisch ansprechend ist und dessen Herstellung den geringst möglichen Schaden für Mensch und Natur darstellt, entstand aus einem Projekt.

2010 wollte man damit über die Belastungen informieren, die bei der Herstellung technischer Geräte unter der Verwendung von Mineralien entstehen. Drei Jahre später entschied man sich, aus der Theorie in die Praxis zu gehen und ein eigenes Smartphone zu produzieren, dass alles besser machen will als seine Vorgänger.

Zu Fairness gehört auch Transparenz

Doch was genau ist eigentlich fair am Fairphone? Das erklärt die Website bis ins Detail, denn zum Fairness-Verständnis des Herstellers gehört auch Transparenz in allen Bereichen. Eine Roadmap erklärt die fünf Faktoren, die dafür sorgen, dass das neue Smartphone mit gutem Gewissen benutzt werden kann.

Bessere Arbeitsbedingungen bei den Zulieferbetrieben

Als ein sehr wichtiges Kriterium werden die Arbeitsbedingungen in den Produktionsbetrieben hervorgehoben. Fairphone will durch gute, lang anhaltende Kontakte mit Zulieferern garantieren, dass die Telefone unter fairen Umständen hergestellt sowie Materialien fachgerecht recycelt werden. Dass dies ein großes, sehr ambitioniertes Vorhaben ist, scheint den Machern klar zu sein: „Dabei gibt es viele Hindernisse zu überwinden, deshalb sind wir realistisch und versuchen, das Vorhaben Schritt für Schritt umzusetzen.“

Photo by Fairphone

In Zusammenarbeit mit diversen Organisationen soll die Nachvollziehbarkeit und Transparenz während des Herstellungsprozesses gewährleistet werden. Dabei wird ein hohes Augenmerk auf faire Löhne, angemessene Arbeitszeiten und verbesserte Arbeitsbedingungen gelegt werden. Auch die Wertschätzung der Arbeit soll geleistet werden: statt Fließbandarbeitern, die lediglich stumpfsinnig Befehle ausführen, sollen Arbeitnehmer ausgebildet werden, die sich aktiv beteiligen und sich nicht scheuen, sich in Diskussionen mit ihren Vorgesetzten einzubringen.

Was zunächst recht theorielastig und zugegebenermaßen auch etwas schwammig klingt, wird im Folgenden konkreter gemacht. Fairphone unterstützt die Vorgaben der International Labour Organization, die sich für das Recht auf Bildung von Betriebsräten und Vereinigungen einsetzt – nimmt sich allerdings im gleichen Schritt etwas zurück. „Wir realisieren, dass es bis dahin, vor allem in Ländern wie China, noch ein langer Weg ist. Wir haben uns daher entschieden, unseren Fokus momentan darauf zu setzen, dass die Arbeiter, die unser Smartphone produzieren, einen fairen Lohn erhalten, den wir zunächst mit der dortigen Fabrikleitung verhandeln.“

Mehr Lohn pro Kilo – erste Erfolge verbesserter Arbeitsbedingungen

Erste Erfolge kann Fairphone bereits nachweisen. In Sud-Kivu, einer Provinz der Demokratischen Republik Kongo, hat sich der Lohn für Minenarbeiter bereits verdoppelt – gezahlt wird statt zwei US-Dollar mittlerweile zwischen vier und sechs Dollar pro Kilo Kupfer. Der daraus resultierende vergrößerte Cashflow führte laut Fairphone dazu, dass die Frauen der Minenarbeiter das „Mehr“ an Einkommen für Handel nutzen und so für bessere Bedingungen für ihre Familien sorgen. Zudem verbessern sich, seit Beginn der Conflict-Free Tin Initiative, die Arbeitsbedingungen, weil mehr Geld für Arbeitsbekleidung und Sicherheitsausstattung ausgegeben wird, ein nicht unwichtiger Faktor bei der gefährlichen Arbeit in einer Mine.

Gold aus Fairtrade und nachhaltiger Kupferabbau

Die nächsten Schritte, die Fairphone unternehmen will, um die Belastung für Mensch und Natur bei der Herstellung ihres Geräts möglichst gering zu halten, konzentrieren sich auf die Suche nach neuen Fairtrade-Zulieferbetrieben beziehungsweise die weitere Verbesserung der Bedingungen in bestehenden Betrieben. Neben den Fortschritten, die bereits in der Demokratischen Republik Kongo oder Sambia erzielt wurden, ist man bei Fairphone vor allem stolz auf das Gold: wenn alles so klappt, wie es sich die Macher vorstellen, dann wäre Fairphone die erste elektronische Firma, die Fairtrade-zertifiziertes Gold für ihre Produkte verwendet. Mit Hilfe verschiedener Partner, wie Friends of the Earth, werden weitere Verbesserungsmaßnahmen angestrebt, wie zum Beispiel zuletzt eine Initiative für nachhaltigen Kupferabbau in Indonesien.

Eher Statement als öko

Das alles klingt sehr löblich – aber für manch einen vielleicht auch etwas zu „öko“. Wären wir alle so umweltbewusst, wie wir uns das vielleicht wünschen, dann wären die Hersteller konventioneller, nicht fairer Güter, längst pleite.

Wir würden weder Nikes tragen noch bei H&M einkaufen, würden mit der Waschnuss waschen – und Fleisch essen wäre eigentlich auch nicht mehr drin. Auch wenn die Themen Nachhaltigkeit und fairer Handel nicht mehr nur Birkenstock-tragenden Vegetariern wichtig sind – vielbesagtem „Otto Normalverbraucher“ reicht es bei Weitem nicht, dass etwas unter fairen Bedingungen produziert wurde, damit er eine Kaufentscheidung trifft. Und gerade beim Kauf eines Smartphones ist es nicht immer die Vernunft, die beim Einkauf zu Rate gezogen wird. Ein Mobiltelefon ist oftmals auch ein Statement.

FairPhone

Photo by Fairphone

Da spielt nicht nur die Marke eine Rolle (man erinnere sich: auf einmal war „Nokia“ plötzlich eine alte-Leute-Marke), sondern längst auch das Betriebssystem (Android versus iOS versus Windows) und ja, natürlich, auch die Optik.

Ein leistungsfähiger Lebensabschnittsgefährte

Das hat man bei Fairphone erkannt und verweist, wie eingangs erwähnt, auf die Coolness des Produkts. Weil man dort aber auch weiß, dass Handys nicht selten Liebhaberobjekte sind, die man gerne länger behalt, (ein gutes Beispiel: achten Sie mal darauf, wie viele Menschen an ihrem iPhone festhalten, obwohl das Display schon angeknackst ist – und das obwohl in vielen Fällen finanzielle Gründe keine Rolle spielen) wird bei der Vermarktung des Fairphones die lange Lebensdauer des Geräts betont.

Mit einem Fairphone habe man einen hochleistungsfähigen, stabilen Lebensabschnittsgefährten. Und weil man selbst bei Fairphone nicht an die lebenslange Dauer von Liebesbeziehungen glaubt, werden beim Kauf jedes Telefons drei Euro dafür verwendet, um sicheres, umweltgerechtes Recycling in Ländern zu entwickeln, wo das bisher kein Thema ist.

Das ultimative Ziel? Smartphones zu 100 Prozent aus recycelten Materialien herzustellen. Das ist momentan noch nicht umsetzbar, aber Fairphone baut gerade Beziehungen mit Firmen auf, die gebrauchte Telefone sammeln und verwerten.

Der Preis ist gar nicht so heiß

Mit einem Preis von 325 Euro liegt das Fairphone im mittleren Preissegment und deutlich unter dem Preis des iPhones. Interessant ist auch die Transparenz bei der Preisgestaltung – die ist auf der Website nämlich detailliert nachzuvollziehen. Wie zu erwarten liegt auch beim fairen Handy der höchste Anteil auf Design und Entwicklung (129,75 Euro) – die Herstellungskosten liegen mit 9,50 Euro bei einem Bruchteil davon. Was zunächst sehr gering klingt, relativiert sich etwas, wenn man weiß, dass bei Geräten im vergleichbaren Segment die Herstellung mit lediglich zwei bis drei Euro zu Buche schlägt.

Crowdfunding als Marketinginstrument

Finanziert wurde das Projekt übrigens per Crowdfunding. Ein cleverer Schachzug, der nicht rein dazu dient, Geld zu sammeln. Zunächst ist Crowdfunding ein Statement: Wir sind kein Multikonzern mit einem großen Budget, der etwas nur dazu herstellen will, um den Käufern noch mehr Geld aus der Tasche zu ziehen. Schaut her, wir sind anders: wir wollen etwas schaffen, um damit die Welt zu verbessern.

Und wir brauchen euer Geld dafür. Mit der Crowdfunding-Kampagne setzte sich eine große Marketing-Maschinerie in Gang und das Fairphone erfuhr einen riesigen Niederschlag in der Presse. Zudem gibt die Möglichkeit, sich an einem Projekt finanziell zu beteiligen, dem Nutzer das Gefühl, aktiv an der Entwicklung eines faireren Smartphones beizutragen. Eine emotionale Bindung zum Produkt, bevor das Gerät überhaupt in Produktion gegangen ist.

Im Januar ist die erste Charge des Fairphones auf den Markt getreten. Erste Tests berichten von einer soliden Verarbeitung und einfachen Bedienung. Lediglich das mit 162 Gramm recht schwere Gewicht sowie einige kleine Macken (wie der Kamera-Zoom) werden bemängelt. Es wird von Experten sogar als etwas zu teuer im Vergleich mit der Leistung beurteilt. Die ersten 25.000 Exemplare waren dennoch binnen kürzester Zeit ausverkauft.

Bei der Kaufentscheidung spielen eben doch mehr Faktoren eine Rolle als bloßes Leistungsdenken. So bestimmt auch bei Tabea Rößner, MdB für BÜNDNIS90/DIE GRÜNEN und Sprecherin für Medien und digitale Infrastruktur. Stolz verkündet sie auf Twitter:


So wie die Unternehmer scheinen auch die ersten Nutzer Visionäre zu sein. Und da sind wir dann doch gar nicht so weit entfernt von Apple und Steve Jobs.

Titelbild (CC BY-NC 2.0) by Fairphone

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Über den Autor: Christian ist Gründer von Happy Coffee. Neben gutem Kaffee interessiert er sich für fairen Handel, Surfen und die Startup Szene.


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