Faire Kleidung soll für Mode stehen, die man mit gutem Gewissen tragen kann. Dafür sollen die eingesetzten Materialien stimmen, indem man z.B. auf Biobaumwolle setzt. Zum anderen müssen die Produktionsbedingungen menschenwürdig sein – und nicht, wie es Schreckensbilder aus den „Sweat Shops“ zeigen – und mit gerechten Löhnen verbunden sein. Inzwischen haben sich Organisationen gebildet, die genau dies zertifizieren, prüfen und sicherstellen sollen. Eine der bekanntesten davon ist die Non-Profit-Organisation Fair Wear Foundation. Die Vereinigung von Firmen und Marken in der Textilbranche will für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen eintreten. Mit 80 Mitgliedsfirmen und 120 Marken ist die Stiftung in 15 Produktionsländern in Asien, Europa und Afrika aktiv. Das FWF-Siegel soll für fair hergestellte Kleidung und Textilien stehen – doch es regt sich auch Kritik an der Organisation, weil Transparenz nicht auf allen Ebenen gewährleistet werden kann.

Die Niederlande sind Vorreiter für faire Kleidung

Die Niederlande waren schon immer Vorreiter, wenn es um fairen Handel und gerechte Arbeitsbedingungen geht. Schon 1969 wurde der erste Fair Trade Shop in Breukelen bei Utrecht eröffnet. Mit dem Ziel, die Fair-Trade-Prinzipien nicht nur theoretisch zu vermitteln, sondern konkret umzusetzen, wurde der sogenannten „World Shop“ gegründet. Dort wurde fast ausschließlich Ware verkauft, die unter Fair Trade Bedingungen in gering entwickelten Ländern hergestellt wurde. Der von Freiwilligen betriebene Laden wurde Vorreiter für viele weitere Fair Trade Shops – zunächst in den Benelux-Ländern, später in ganz Europa. 30 Jahre später waren es wieder unsere holländischen Nachbarn, die etwas gegen unfaire Arbeits- und Produktionsbedingungen unternahmen.

In den 90ern blühte die Modeproduktion in Billiglohnländern

In vielen Ländern Europas wurde Ende der 90er Jahre die Produktion von Textilien und Bekleidung in Niedriglohnländer ausgelagert. So ließ zum Beispiel Schiesser, der größte deutsche Unterwäsche-Hersteller, seine Kleidung nicht mehr im badischen Radolfzell am Bodensee, sondern in osteuropäischen Ländern produzieren. Mehrere Standorte in Deutschland wurden geschlossen und viele Mitarbeiter entlassen. Auch viele andere Kleidungsmarken produzieren gern im Ausland, vor allem in Asien. Dort sind Löhne günstig, Tarifverträge ein nie gehörtes Wort, die Arbeitszeiten dabei ohne festes Ende. Kinderarbeit kommt häufig vor, Pausen und Arbeitssicherheit sind bestenfalls mangelhaft… Und die Arbeitsbedingungen machen krank: Zum Beispiel in Indien, wo mit hochtoxischen Farben Textilien behandelt werden – von Hand.

Die Gründung der Fair Wear Foundation

Der Niederländische Gewerkschaftsbund und die Clean Clothes Foundation gaben den Anstoß für eine gemeinsame Initiative für verbesserte Arbeitsbedingungen in der Textilbranche. Nach fast fünf Jahren Verhandeln zwischen den verschiedenen Interessengruppen war es 1999 soweit: Die Fair Wear Foundation nahm ihre Arbeit auf. Mit einem Kodex für Arbeitnehmerrecht und Arbeitspraktiken wurden zunächst Pilotprojekte in vier niederländischen Firmen gestartet. Nach drei Jahren Ausprobieren gipfelten die gesammelten Erfahrungen in einer Standardprozedur, wie man eine Produktions- und Lieferkette für faire Kleidung gestalten und transparent machen kann. Während zu Beginn 11 Mitglieder den Kern der Stiftung bildeten, sind es heute bereits über 80 Mitglieder, die sich den Prinzipien der Fair Wear Foundation verpflichtet haben. Darunter so bekannte Marken wie Jack Wolfskin, Schöffel, Salewa, Takkound Vaude. 

Wofür die Fair Wear Foundation steht

Die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie ist die klare Mission der Fair Wear Foundation. Denn die Branche ist bekannt für ihre menschenunwürdigen Produktionsbedingungen. Während Tag für Tag Menschenrechte in Niedriglohnländern verletzt werden, schließt der Konsument bei seinen Kaufentscheidungen meist die Augen. Nur wenn wieder mal eine Katastrophe passiert, wie der Großbrand in einer Textilfabrik in Bangladesh, bei der über 1000 Menschen ums Leben kamen, regt sich das schlechte Gewissen. Erst dann denkt man über faire Kleidung nach und der Ruf nach Regulierung und mehr Transparenz bei der Textilproduktion wird laut.

Supply chains are very complicated, and there are still many places where things can go wrong. Most clothing brands don’t own their factories, but they do have a lot of influence over how factories treat workers. FWF works with brands who take their responsibilities seriously, and want to learn how to use their influence to make life better for the people who make their clothing.

Die Fair Wear Foundation betont wie schwierig es ist, die oftmals undurchsichtigen Lieferantenketten nachvollziehen zu können. Sie möchte dort ansetzen, wo Bekleidungsmarken ihren Einfluss geltend machen können: Nämlich direkt in der Produktion. Die Stiftung arbeitet mit Marken zusammen, um deren Einflussnahme für bessere Arbeitsbedingungen in deren Partnerfabriken zu stärken.

Kodex und Grundprinzipien der Fair Wear Foundation

Wer Mitglied bei der Fair Wear Foundation werden will, der muss sich dem Kodex für Arbeitnehmerrechte und Praktiken verpflichten und alle seine Punkte erfüllen. Diese sind den Bedingungen der International Labour Organization (ILO) und der UN-Menschenrechtserklärung entnommen:

  1. Begrenzung der Arbeitszeit
  2. freie Wahl des Arbeitsplatzes
  3. keine ausbeutende Kinderarbeit
  4. keine Diskriminierung bei der Beschäftigung
  5. rechtsverbindlicher Arbeitsvertrag
  6. sichere und gesunde Arbeitsbedingungen
  7. Versammlungsfreiheit und Recht auf Tarifverhandlungen
  8. Zahlung eines existenzsichernden Lohns.

Teilnehmende Marken verpflichten sich, in ihren (oder den von ihnen beauftragten) Produktionsstätten auf die genannten acht Grundsätze zu achten. Dabei erstrecken sich die Grundprinzipien der FWF über mehrere Ebenen. So soll von den Mitgliedern zuallererst Verantwortung für das Management der Lieferkette übernommen werden. Das bedeutet, dass faire Kleidung nur möglich ist, wenn eine Marke ihre Zulieferer mit zur Rechenschaft zieht. Der FWF Kodex kann nur erfüllt werden, wenn die Produzenten für gute Arbeitsbedingungen in ihren Fabriken sorgen. Im dem Fall sind das die Textilfabriken, die den Bekleidungsmarken oft nicht gehören, aber von ihnen beauftragt werden.

Regelmäßige Besuche in den Produktionsstätten

Wie von der Stiftung selbst erwähnt, sind die einzelnen Stationen in der Lieferkette –  vom Rohstoff über die Textilproduktion bis hin zum verkaufenden Unternehmen – oft undurchsichtig und schwer nachvollziehbar. Die Fair Wear Foundation möchte durch diverse Maßnahmen und Standards dennoch für Transparenz auf allen Ebenen sorgen. Um dies bereits in den Textilfabriken zu gewährleisten, arbeitet die FWF mit einem selbsterstellten Verifizierungsprozess. So werden die Arbeiter – anonym und außerhalb ihres Arbeitsplatzes – regelmäßig zu ihren Arbeitsbedingungen befragt. Unabhängige, von der FWF ausgebildete Coaches, führen diese Interviews und nehmen unangekündigte Inspektionen vor. Das soll dazu beitragen, ein echtes Bild von der Produktionsstätte zu erhalten. Denn bei vorab angekündigten Besuchen wird oftmals ein falscher Eindruck erweckt, Bücher werden gefälscht und Arbeiter vorab zu Falschaussagen gezwungen.

Laut der Stiftung geht es bei diesen Besuchen nicht darum, Probleme zu finden und Produzenten an den Pranger zu stellen. Vielmehr sei die gemeinsame Erarbeitung einer Lösung zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen das Ziel. In Zusammenarbeit mit Gewerkschaften soll dafür gesorgt werden, dass die Arbeiter eine Stimme erhalten und nicht mehr der eventuellen Willkür ihrer Vorgesetzten ausgesetzt sind.

While many people are on holidays during the summer months, FWF colleague Lisa travelled to India. There she met with local stakeholders and also attended the annual staff meeting for FWF auditors, trainers and complaints handlers. At the very beginning of her trip, Lisa also attended the kick-off of the new FWF supervisor training sessions. While male supervisors are trained on gender sensitivity and violence-free conflict resolution, women are trained on all things related to being an effective supervisor. In this picture, the trainer is using some newspaper cutouts of underwear to explain the costing breakdown of a garment. A blogpost of her trip can be found our website (link in bio). #fairwear #fairwearfoundation #India

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Lokale Beschwerdemanager als ständige Augen und Ohren der FWF

Besonderen Wert legt man bei der Fair Wear Foundation auf das Beschwerdemanagement. Denn bei aller Zusammenarbeit mit Fabriken ihrem Management: Die Realität zeigt oft immer noch, dass faire Kleidung ein Mythos ist. Arbeiter haben oft keine Möglichkeit, Missstände zu melden, ohne um ihren Job fürchten zu müssen. Damit Missachtungen der FWF-Standards nicht vertuscht werden können hat die Organisation ein Sicherheitsnetz aufgebaut. So gibt es in jedem Land, in dem die Stiftung präsent ist, einen Beschwerdemanager. Er sollte allen Arbeitern in einer Fabrik bekannt, einfach zu kontaktieren sein und selbstverständlich die Sprache der Arbeiter sprechen. Um Vertrauen zu schaffen sind die Beschwerdemanager oftmals Frauen, die zugleich in Organisationen für Frauen- oder Arbeiterrechte aktiv sind.

Weil Transparenz als wesentliches Qualitätsmerkmal unabdingbar für die Glaubwürdigkeit einer jeden Stiftung ist, macht die Fair Wear Foundation ihre Verifikationsaudits öffentlich zugänglich. Die im Internet einsehbaren Berichte informieren über die Entwicklung der Organisation, Forschungsvorhaben und die interne Organisationsstruktur.

Wer darf rein? Aufnahmekriterien und Überprüfung der FWF

Ein Kleiderbügel, darunter der Schriftzug der Fair Wear Foundation, alles in flammend rot. Das Siegel der FWF ist auffällig und man kann sich vorstellen, dass sich Marken gerne damit schmücken. Klar: Es signalisiert faire Kleidung und man kann zeigen, Mitglied der dafür stehenden Organisation zu sein. Um der FWF beizutreten muss sich ein Unternehmen dem Kodex verpflichten. Das bedeutet eine direkte Zusammenarbeit mit den produzierenden Fabriken, um faire Arbeitsbedingungen zu garantieren. Das bedeutet aber auch die Ausbildung von Mitarbeitern vor Ort, die innerhalb des Managements den Kodex durchsetzen.

Nach einem Jahr Mitgliedschaft erhält das Unternehmen Besuch von der Fair Wear Foundation, die sich vor Ort selbst ein Bild über die Zustände machen will. Innerhalb dieser „Brand Performance Checks“ werden die Bücher überprüft, Interviews mit Arbeitern und Angestellten geführt und die Arbeitsprozesse genau beobachtet. Diese Überprüfungen werden von der FWF veröffentlicht, so dass die Ergebnisse für jedermann einsehbar sind. Im Nachgang werden Empfehlungen und Anordnungen zur Verbesserung der Situation gegeben, die nach einer gewissen Zeit erneut überprüft werden. Im folgenden Video erläutert der Outdoor-Kleidungshersteller VAUDE, warum sich der Deal mit der FWF für sie lohnt.

Achtung: Das Etikett muss keine faire Kleidung garantieren

Steht die Fair Wear Foundation nun automatisch für faire Kleidung? Nicht unbedingt. Das kann, aber muss nicht sein. So spricht Martin Curley von der Fair Wear Foundation im Video „The Fair Wear Formula“ einen entscheidenden Satz, der die Organisation angreifbar macht und Kritikern zuweilen sauer aufstößt:

Wichtig ist es, dass Unternehmen bereit sind, ihre Supply Chain zu verbessern – nicht, dass sie schon perfekt ist, wenn sie in die Fear Wear Foundation aufgenommen werden.

Ergänzend sagt Sophie Koers, Kommunikationsbeauftragte der FWF, in der Zeit dazu:

Wer FWF-Mitglied wird, verpflichtet sich offiziell dazu, nach unseren Zielvorgaben schrittweise auf die geforderten Standards hinzuarbeiten und die Fortschritte regelmäßig verifizieren zu lassen.

Im Klartext: Nur weil ein Textilunternehmen Mitglied in der FWF ist, müssen nicht alle Standards vollständig erfüllt sein. Oftmals gibt es noch viele Stellen innerhalb der Zulieferkette, bei denen menschenunwürdige Bedingungen herrschen. Geringe Löhne und viel zu lange Arbeitstage bilden eher noch die Regel als die Ausnahme. Doch indem sich die Kleidermarken das FWF-Siegel ans Revers heften, geben sie sich ein gerechtes Image – ohne bestehende Probleme zu thematisieren. Der Verbraucher sieht nur das Siegel, freut sich, mit gutem Gewissen einkaufen zu können – und greift beherzt zu.

Der Takko-Skandal: Kleiderproduktion in chinesischen Gefängnissen

Wenn man sich die Preise einiger FWF-Mitglieder für ihre Mode anschaut, fällt einem tatsächlich schwer zu glauben, dass innerhalb der gesamten Produktionskette alles fair zugeht. Eine Jeans für 19,90 Euro, Lingerie ab 4,99 Euro? Dass Takko Fashion so günstige Mode gerecht produziert haben will, ist für Kritiker schlichtweg unglaubwürdig. Tatsächlich ließ der Skandal nicht lange auf sich warten. Ende 2012 berichtete der SPIEGEL über den Verstoß von Takko gegen den FWF Kodex und deckte auf, dass das Billig-Label in chinesischen Gefängnissen produzieren ließ. Takko gab die Vorwürfe zu, schob Unwissenheit vor und beteuerte, die Zusammenarbeit mit der fragwürdigen Herstellerfirma gekündigt zu haben. Laut SPIEGEL-Bericht reagierte die Fair Wear Foundation „alarmiert“ auf die Vorwürfe, einen Ausschluss des Textilunternehmens hatten die Aufdeckungen aber nicht zur Folge. Auf der Homepage von Takko wird die Zusammenarbeit mit der FWF weiterhin betont.

Fazit: Blindes Vertrauen ist nicht unbedingt angebracht

Bei Fashion ist die Situation bezüglich fairer Herstellungsbedingungen kompliziert und wenig überschaubar. Im Bereich der Nahrungsmittel hat sich mit Siegeln wie Fairtrade schon einiges getan. Doch für die Textilindustrie gibt es keine einheitliche Regelung, die alle Bereiche von der Erzeugung der Rohstoffe bis zur Produktion der Kleidung umfasst. Ja, die Fair Wear Foundation leistet einen wesentlichen Beitrag zur Kontrolle der Löhne und Arbeitsbedingungen in den Fabriken. Doch weil die Rohstoffproduktion nicht in den Zuständigkeitsbereich der Organisation fällt und das Kontrollnetzwerk noch nicht so engmaschig gestrickt ist, ist blindes Vertrauen in das Siegel nicht angebracht. Sonst könnten Skandale wie im Falle von Takko nicht passieren.

Im April 2014 feierten die ersten Marken, die sich der Fair Wear Foundation angeschlossen haben, ihr zehnjähriges Mitgliedsjubiläum. Auch wenn noch viel getan werden muss, um faire Kleidung real werden zu lassen, könnte es ein Schritt in die richtige Richtung sein. Doch bei Textilunternehmen, die in Niedriglohnländern produzieren lassen, sei nach wie vor Skepsis angebracht. Wer wirklich sicher gehen will, dass seine Kleidung unter gerechten Bedingungen hergestellt und vertrieben wird, der greift lieber auf kleine Labels wie zum Beispiel Armedangels oder manomama zurück, die für lückenlose Transparenz garantieren können.

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Über den Autor: Christian ist Gründer von Happy Coffee. Neben gutem Kaffee interessiert er sich für fairen Handel, Surfen und die Startup Szene.


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