„Trade not Aid“ – der Slogan aus den späten Sechziger Jahren ist für Sophie und Michi von amodini.com immer noch hochaktuell. Mit ihrem Onlineshop für modische Accessoires und Home Decor wollen sie das „Öko-Image“ von Fair Trade abschütteln und zeigen, dass fair Produziertes und Gehandeltes sehr wohl stylisch und trendy sein kann. Wir finden es toll, was die beiden Hamburgerinnen innerhalb so kurzer Zeit auf die Beine gestellt haben und stellen Euch den Shop, die Idee und die Menschen dahinter vor.

Das Schlüsselerlebnis während der Auszeit in Indien

Eine Reise nach Indien veränderte alles im Leben von Sophie Neuhaus. Bis dato war ihr Leben sehr geradlinig verlaufen. Gutes Abi, erfolgreich abgeschlossenes BWL-Studium, gut bezahlter Job in einer internationalen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, Aufstiegschancen inklusive. Sie mochte ihr Leben eigentlich, doch irgendwie hat sie gemerkt, dass da noch etwas fehlt. Etwas, das sie wirklich erfüllt und zugleich andere glücklich macht. Deshalb entschloss sie sich, erstmal eine Auszeit zu nehmen und dabei herauszufinden, was sie im Leben erreichen möchte.

Weil Sophie aber eine Macherin und keine Träumerin ist, führte sie ihre Auszeit nicht in ein Luxusressort, bei dem man zwischen Sonnengruß und Ayurveda-Behandlung über sein Leben nachdenkt. Ihre Reise führte sie nach Indien, wo sie bei der NGO Sambhali Trust mit Sitz in Jodhpur einen Freiwilligendienst leistete. In einem kleinen Dorf, mitten in der Wüste unterrichtete sie Kinder aus sozial benachteiligten Verhältnissen und brachte ihnen Englisch und Mathe bei. Ein besonderes Augenmerk lag dabei auf den Mädchen, die aufgrund ihrer Herkunft aus dem Kastenwesen ausgeschlossen sind und als „unberührbar“ gelten. Unberührbare dürfen eigentlich nur die niedrigsten Arbeiten ausführen, deshalb ist es ein erklärtes Ziel des Sambhali Trust, diesen Mädchen einen Zugang zur Bildung zu ermöglichen.

Fashion meets Women Empowerment: amodini wird geboren

Während der Zeit in Indien lernte Sophie viel über Armut und deren Bekämpfung. Sie war besonders beeindruckt von den positiven Auswirkungen der Women Empowerment-Projekte auf die indischen Frauen und ihre Familien. Eine wichtige Erkenntnis, die sie aus dieser Zeit mitgenommen und verinnerlicht hat: Dinge ändern sich nur, wenn man Frauen den Zugang zu Bildung verschafft und sie in ihrer Position stärkt. Dies ist ein wesentlicher Faktor zur effektiven Bekämpfung von Armut und zur nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung. Als Sophie dann nach Hamburg zurückkehrte, war nichts mehr, wie es war.

„Menschen reisen, um sich in Erinnerung zu rufen, dass sie nicht alles wissen und dass die Welt größer, geheimnisvoller und aufregender ist, als es scheinen mag, wenn man den ganzen Tag zu Hause sitzt. Das Reisen ist eine ständige Erinnerung an all die Dinge auf der Welt, über die wir staunen.

Was der Philosoph Alain de Botten über das Reisen sagt, hatte Sophie verinnerlicht. Sie zögerte also nicht lange, kündigte den sicheren Job bei der Wirtschaftsberatung und gründete amodini.com. Mit einem Onlineshop für schöne, stylische und hochqualitative Produkte will sie ihren Teil dazu beitragen, Frauen in Entwicklungsländern zu stärken.

Gründerinnen von AmodiniZwei starke Gründerinnen

Um eine Idee in die Wirklichkeit umzusetzen benötigt man zuallererst die richtigen Partner. Gut, dass Sophies beste Freundin Michi in Südafrika ähnliche Erfahrungen und Eindrücke gesammelt hatte. Und für das Projekt amodini sofort Feuer und Flamme war! Während Sophie sich um die Finanzen und die Kommunikation mit den Partnern kümmert, ist Michi für Design, Werbung und Social Media zuständig.

Seit Mai 2014 gibt es nun den Onlineshop amodini der beiden Powerfrauen. Die vertriebenen Produkte werden in Entwicklungsländern unter fairen Bedingungen hergestellt und an Modeinteressierte in Deutschland weiterverkauft. So erhalten die Kunsthandwerker/-innen vor Ort die Möglichkeit, ihre Produkte weiterzuentwickeln und den Lebensunterhalt ihrer Familien nachhaltig zu sichern. „amodini“ heißt auf Indisch übrigens „glückliches Mädchen“ – und die gibt es dank amodini.com auf beiden Seiten des Erdballs.

Nachhaltige Selbständigkeit in Entwicklungsländern als Ziel

Spenden sind nur Momentaufnahmen, die vielleicht kurz helfen können, aber nicht dauerhaft zu einer Veränderung beitragen. Besser ist es, in Entwicklungsländern Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten. Und echte, nachhaltige Verbesserungen der Lebensbedingungen kann man durch Handel umsetzen. Genau das tut amodini. Michi und Sophie haben es sich zur Aufgabe gemacht, nachhaltige Selbständigkeit und Unabhängigkeit von sozial und wirtschaftlich benachteiligten Menschen zu ermöglichen. Gemäß dem Grundsatz „Trade not Aid“ sollen vor allem Frauen darin bestärkt werden, durch ihre eigene kunsthandwerkliche Arbeit wirtschaftlich selbständig zu werden bzw. ihre Familien unterstützen zu können.

Mahatma Ghandi als Inspiration

„Be the change you want to see in the world“

Diese berühmte Aussage könnte man das Mantra von amodini nennen. Deshalb ist es den beiden jungen Unternehmerinnen auch wichtig, ihre Vision weiterzugeben. Das tun sie weder durch Belehrung noch indem sie ihre Meinung anderen rigoros überstülpen. Sie rollen das Feld von hinten auf: Ihre Produkte  suchen sie, nachdem der Fair Trade Faktor garantiert wurde, anhand ästhetischer Aspekte aus. Die Idee dahinter: Ist etwas schön, trendy und stylisch, dann kaufen es die Kundinnen in Deutschland auch. Und wenn sie dann – vielleicht auch nur rein zufällig – merken, dass es sich dabei um Fair Fashion handelt, kann genau das zum Umdenken führen.

amodini: Hand Made, Fair Trade, soziales Engagement

Es ist kein Geheimnis: Industrielle Massenproduktion und die resultierenden Dumpingpreise führen dazu, dass traditionelle Produktionsmethoden und handwerkliche Fertigkeiten in den Entwicklungsländern mehr und mehr verloren gehen. amodini möchte einen Beitrag dazu leisten, dass alte Traditionen wieder neu belebt werden – und dass die einheimischen Kunsthandwerkerinnen für ihre Arbeit und einmaligen Fähigkeiten gerecht bezahlt werden. Sind sie und ihre Männer nicht mehr gezwungen, in Ballungsräume zu ziehen um dort ihr Geld unter unwürdigen Arbeitsbedingungen zu verdienen, dann werden auch traditionelle Händlerstrukturen in ländlichen Gebieten neu belebt.

Um die erzeugten kunsthandwerklichen Produkte für Käuferinnen in Deutschland interessant zu machen, setzt amodini auf Einzigartigkeit: Viele Produkte sind nur in geringer Stückzahl verfügbar.Damit ein Produkt in den Onlineshop aufgenommen werden kann, muss es drei Voraussetzungen erfüllen: Es muss handgemacht sein, aus Fair Trade stammen und soziales Engagement muss damit verknüpft sein. Wie genau diese Leitsätze bei amodini umgesetzt werden und wie sich der Weg in die Selbständigkeit gestaltete, darüber sprachen wir mit CEO und Gründerin Sophie Neuhaus.

Sophie, wie war die Reaktion in deinem Umfeld, als du plötzlich gesagt hast: „Ich kündige meinen gutbezahlten sicheren Job und mache mich selbständig mit einem Onlineshop für Fair Fashion?“

Die Reaktionen waren eigentlich durchweg positiv. Meine Freunde kennen mich gut und wissen, dass ich mein Leben bis dahin sehr zielstrebig geführt habe. Als ich dann irgendwann merkte, dass ich noch nicht ganz genau das gefunden hatte, was mich wirklich glücklich macht, habe ich mir bewusst eine Auszeit genommen. Ich bin nach Indien gegangen, mit dem Ziel, nicht nur zu reisen, sondern mich sozial zu engagieren, um anderen etwas zurückzugeben. Dort war ich bei einer gemeinnützigen NGO tätig und bekam die positiven Auswirkungen der Arbeit im Bereich des Women Empowerment mit. So kam ich auf die Idee, genau solche Projekte zu unterstützen. Meine guten Freunde wussten: Wenn ich was im Leben finde, wofür mein Herz brennt, dann kann ich das mit Sicherheit auch umsetzen. Sie fanden den Schritt mutig und haben mich von Anfang an unterstützt.

Von der Idee bis zur Eröffnung verging gerade mal ein Jahr – was ist in dieser Zeit alles passiert?

Nun, zunächst hatte ich die Idee, und die musste erst einmal reifen. Ich habe viel Research betrieben, über Fair Trade Organisationen, Projekte in Entwicklungsländern – ich musste mich als Quereinsteigerin ja in das ganze Thema erst einmal einarbeiten. Irgendwann habe ich dann angefangen mit den Partnern, mit denen wir jetzt zusammenarbeiten, Kontakt aufzunehmen. Ich habe interessante Projekte kalt angemailt und von mir erzählt.

Im letzten Herbst bin ich dann in die USA gereist, weil ich das Gefühl hatte, dass uns die Amerikaner etwas voraus sind, was die Kombination von Fair Trade und Fashion angeht. Ich habe mich dort mit ungefähr 30 Personen getroffen und konnte viel von ihnen lernen. Zum Jahreswechsel stand das Konzept und es konnte mit der Umsetzung losgehen. Mit der Unterstützung von Michi ging dann auch alles ganz schnell. Sie war sofort Feuer und Flamme. Obwohl sie selbst noch in ihrem Job tätig war, stand sie mir die gesamte Vorbereitungszeit zur Seite. Ich habe ihr ständig Sachen geschickt und sie um ihre Meinung gebeten.

Was unterscheidet euch von anderen Fair Fashion Shops?

Das Besondere bei uns ist sowohl unser Schwerpunkt auf Fair Trade Produkte, aber auch auf die Menschen, die hinter den Produkten stehen. Deshalb erzählen wir die Geschichten der Menschen und woher die Produkte kommen. Die Stories sind mit Bildern und Videos aus den Produktionsstätten aufbereitet. Das schafft Emotionen und gibt der Kundin ein gutes Gefühl, weil sie weiß, wie die Produkte hergestellt wurden. Was uns von vielen anderen aber hauptsächlich unterscheidet, ist der Fashion-Aspekt. Unsere Produkte sind stylisch und überzeugen auch Menschen, die bisher fair trade Produkte mit einem Öko-Image verbinden.

Handgemacht, Fair Trade, soziales Engagement: das sind Eure Standards. Wie könnt ihr deren Einhaltung garantieren?

Wir arbeiten sehr eng mit unseren Partnern zusammen. Wir selber hatten leider noch nicht die Gelegenheit zu den Produktionsstätten zu fahren, aber das ist natürlich unser Ziel. Bis dahin vertrauen wir auf die Partner, die mit fair trade zertifizierten Organisationen zusammenarbeiten und das Ganze sehr transparent gestalten.

Deine Meinung: darf man sich noch bei H&M, Zara und Co. einkleiden?

Ich zwinge niemanden den Anspruch auf, den ich an mich selber stelle. Es muss jeder für sich selbst entscheiden, wo er seine Kleidung kauft. Seitdem ich mich mit dem Thema intensiv auseinandersetze, kaufe ich noch weniger neue Kleidung ein. Was wir erreichen wollen ist die Schaffung eines Bewusstseins für ein ethisches Konsumieren ohne modische Kompromisse. Mit den Geschichten über die Kunsthandwerker wollen wir einen Denkanstoß liefern, sich generell Gedanken über die Herkunft von Produkten zu machen. Ich merke, dass ich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis schon etwas bewegen konnte. Immer mehr Freunde sind überrascht, wie stylisch und besonders Fair Trade Produkte sein können.

Ein Produkt aus eurem Shop, wie z.B. ein Tuch, kann bei euch schonmal knapp 170 Euro kosten. Wer sind eure Kunden bzw. wer kann sich so etwas leisten?

Unsere Kundinnen sind modebewusste Frauen jeden Alters. Sie steht meist schon im Beruf und ist entweder die Frau, die bereits ein Bewusstsein für fair gehandelte Mode hat oder durch uns auf das Thema gestoßen wird, weil ihr das Produkt gefällt und sie erst im zweiten Moment merkt, dass mehr dahinter steht. Allerdings haben wir auch Produkte, die günstiger sind. Dadurch können wir eine breite Zielgruppe ansprechen.

Was ist euer Ziel für die nächsten fünf Jahre?

Wir sind ständig auf der Suche nach neuen spannenden Projekten und Partnern, mit denen wir zusammenarbeiten wollen, um weitere Menschen in Entwicklungsländern durch einen fairen Handel zu unterstützen. So bauen wir unser Produktsortiment immer weiter aus. In den kommenden Monaten wird es darum gehen, amodini weiter bekannt zu machen. Wir wollen wachsen, um mittelfristig die Möglichkeit zu schaffen, ein eigenes Projekt zu starten – bei dem wir Produkte selber designen und direkt mit Frauenkooperativen und Fair Trade zertifizierten Organisationen zusammenarbeiten. Wir träumen davon, die Produkte nicht nur online anzubieten. Sondern in unserem eigenen Laden zu verkaufen, der eine Kombination aus Ladengeschäft und Café ist. In dem es neben Fair Trade Produkten natürlich Fair Trade Kaffee und Tee zu trinken gibt.

Alle Foto: amodini

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Über den Autor: Christian ist Gründer von Happy Coffee. Neben gutem Kaffee interessiert er sich für fairen Handel, Surfen und die Startup Szene.


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