Kein Trend ohne Gegentrend – das gilt nicht nur in der Mode, im Sport oder in der Musik, sondern hat auch große Bedeutung im Bereich Ernährung. Während auf der einen Seite die vegane Ernährung immer beliebter wird und Stars wie der „Vegan for Fit“-Autor und Koch Attila Hildmann Millionen Bücher verkaufen, formiert sich gerade eine Entwicklung in die komplett gegensätzliche Richtung. Unter dem Überbegriff „Paleo-Diät“ (oder „Paläo-Diät“, es gibt beide Schreibweisen) wird eine Ernährung propagiert, die hauptsächlich auf Fleisch basiert. Dass sich auch hier ein Trend abzeichnet, zeigt u.a. auch das beliebte aktuelle Buch vom Paleo-Koch Nico Richter.

Der Speiseplan orientiert sich an der Ernährungsform der Altsteinzeit, als Ackerbau noch keine Rolle spielte. Fleisch ist gut für den Körper, sind sich Paleo-Anhänger sicher. Was genau hinter dem Trend steckt und ist täglicher Fleischkonsum wirklich so eine gute Idee oder vielleicht sogar extrem ungesund?

Die Steinzeit: Jäger und Sammler

Unter der Paleo-Diät (Paläo-Diät), auch genannt Steinzeitdiät oder Steinzeiternährung, versteht man eine Ernährungsform, die sich an eine Ernährungsweise anlehnt, an die sich unsere Vorfahren in der Altsteinzeit gehalten haben. Die Altsteinzeit, auch Paläolithikum genannt, ist der älteste Abschnitt der Steinzeit, der vor ungefähr vor 2,5 Millionen Jahren begann. Die Definition der Altsteinzeit verbindet man mit Herstellung der ersten Steinwerkzeuge. Dies nahm in Afrika mit dem „Early Stone Age“ seinen Anfang und breitete sich anschließend über Asien und Europa aus. Der Besitz und die Nutzung von Steinwerkzeugen markiert einen wichtigen Schritt in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit: Neandertaler und Cro-Magnon-Menschen waren Jäger und Sammler, während der Ackerbau und die Viehzucht erst später eine Rolle spielten.

Steinzeiternährung: essen wie Fred Feuerstein?

Wer erinnert sich noch an die Familie Feuerstein? Die Comic-Serie aus den Sechziger Jahren war lange Zeit die erfolgreichste Zeichentrickserie. In der Serie, die sich im Original „The Flintstones“ nennt, wird der vermeintliche Alltag der Familie Feuerstein in der Steinzeit erzählt. Alles rein fiktiv und überspitzt natürlich – denn die Feuersteins haben Telefone, fahren Autos und leben auch sonst eher wie eine mittelständige US-amerikanische Familie als ein echter Neandertaler. Ein wichtige Rolle in der Serie spielte die Ernährung der Feuersteins und ihrer Nachbarn, der Geröllheimers: Dinosaurier-Burger und Buletten, Rippchen, Hackepeter – sprich, ein Speiseplan, der hauptsächlich auf Fleisch basiert.

Bei der Paleo-Diät geht es weitaus weniger archaisch zu, doch zum täglichen Fleischgenuss wird genauso geraten wie zum kompletten Verzicht auf Milchprodukte, Getreide und Pflanzenöle. Brot, Kuchen, Joghurt, Kaffee, Schokolade: alles verboten. Einige wenige Kohlenhydrate und Ballaststoffe sind erlaubt, schließlich hat die Ernährungsweise einen Gesundheitsanspruch.

Wer sich nach der Paleo-Diät richtet, der darf, neben Fleisch, folgende Lebensmittel zu sich nehmen: Gemüse, Fisch, Eier, Salat, Nüsse, Fett und Obst. Bei Obst ist allerdings auch Vorsicht geboten: lediglich bestimmte Beeren dürfen in den Speiseplan integriert werden, kultiviertes Obst, wie auch Äpfel, Bananen oder exotische Früchte, ist absolut tabu. Übrigens, der Begriff „Diät“ wird von den meisten Anhängern der Steinzeiternährung abgelehnt, da es sich dabei nicht um eine Diät im ursprünglichen Sinne handelt, sondern eine Ernährungsumstellung. Das Wort „diet“ bedeutet in der englischen Sprache somit auch keine Schlankheitskur, sondern umschreibt lediglich den Begriff „Ernährungsweise“.

Fett? Ist gesund!

Wer viel Fleisch zu sich nimmt, der ernährt sich recht fettreich. Und da die Paleo-Diät auch zu einem nicht unwesentlichen Teil auf Nüssen basiert, nehmen Anhänger der Steinzeiternährung weitaus mehr Fett zu sich, als das der durchschnittliche Allesesser tut. Dass ungesättigte Fettsäuren und Omega-3-Fettsäuren gut für die Gesundheit sein können, ist natürlich nicht erst seit dem Aufkommen der Steinzeitdiät bekannt. „Gutes“ Fett, dass aus Nüssen, Samen, Olivenöl, Fischöl und richtig ernährtem Vieh (zum Beispiel mit Gras gefütterten Weiderindern) stammt, hat positive Auswirkungen auf die Gesundheit des Menschen. Während dagegen gesättigte Fettsäuren in den letzten Jahren einen überaus schlechten Ruf hatten, erfahren auch diese, unter bestimmten Voraussetzungen, eine Würdigung in der Paleo-Diät.

Statt gesättigte Fettsäuren (die unter anderem für hohe Cholesterinwerte verantwortlich sein sollen) komplett zu verbannen, sind auf dem Speiseplan bestimmte gesättigte Fette, wie zum Beispiel Kokosöl erlaubt. „Kokosöl ist sehr beliebt in der Paleo Community und das zu Recht, denn die Mehrheit der enthaltenen gesättigten Fettsäuren sind mittelkettige Fettsäuren, die anders vom Körper verarbeitet werden als langkettige.“ Das und viel anderes Wissenswertes über die richtige Paleo-Ernährung kann man in einem der vielen Foren und Blogs zum Thema nachlesen, wie zum Beispiel bei Paleo 360).

Übrigens: Kurioserweise sind sich hier, im Bereich der Fette, die Anhänger der Paleo-Diät und des Veganismus einig. Obwohl die Ernährungsweisen gegensätzlicher nicht sein könnten („täglich Fleisch“ versus „gar kein Fleisch“) kommt man im Fall der Fett-Einnahme auf einen gemeinsamen Nenner.

Vorteile der Steinzeitdiät

„Die Paleo-Diät ist die gesündeste Art der Ernährung, weil es die einzige Ernährungsweise ist, die Dir im Einklang mit Deinen Genen dabei hilft, schlank, stark und energiegeladen zu bleiben.“ Das sagt Robb Wolf, Autor des Beststellers „The Paleo Soluton. The Original Human Diet“. In seinem Buch führt der Paleo-Vorreiter die Ursachen für typische Erkangungen der westlichen Gesellschaft wie Krebs, Diabetes und sogar Unfruchtbarkeit auf die in seinen Augen unzureichende Ernährung zurück. Für Wolf bedeutet ein Umsteigen auf einen Paleo-Lifestyle nicht nur eine Änderung der Ernährungsgewohnheiten, sondern auch mehr Bewegung und mehr Schlaf – eine Lebensweise, die in der Steinzeit wohl genau so stattgefunden haben dürfte.

Mit seinem Buch gibt er Anleitung für eine 30-tägige „Paleo-Challenge“, mit Rezepten für Mahlzeiten die auf den ersten Blick gar nicht so steinzeitich klingen: Pizza, die aus einem Nussteig besteht, gedämpfter Schweinelende und gebratener Hühnerbrust. Wer sich komplett auf die Paleo-Diät umstellt, der hat laut Robb nichts als Vorteile davon: keine Gewichtsprobleme mehr, ein gesundes Herz und ein weitaus geringeres Risiko an Parkinson, Alzheimer oder Depressionen zu erkranken.

Paleo Ernährung

Photo by Amy Selleck / Flickr (License: CC BY 2.0)

Nachteile: Ist Paleo ungesund?

Natürlich hat auch die Trendbewegung Paleo-Diät ihre Gegner. Die werfen der eingeschränkten Ernährungsform eine falsche Ausgangslage voraus. Denn die Basis der Steinzeitdiät beruht auf auf der Annahme, dass wir biologisch identisch sind mit dem Steinzeitmenschen. Das ist auch Sicht von Biologen und Ernährungsexperten schlichtweg falsch. Anatomisch und genetisch hat sich der Mensch so stark verändert, dass bestimmte Annahmen zu Ernährung und Verträglichkeit heute nicht mehr mit der damaligen Situation zu vergleichen sind.

So verträgt zumindest ein Großteil der Menschen heute Laktose – ein grundsätzlicher Verzicht auf Milchprodukte sei daher nicht automatisch gesünder. (Hierzu gibt es auch wieder Gegenmeinungen, wovon wir kürzlich in unserem Artikel „Die Milch-Lüge: ist Milch ungesund?“ berichteten.

Ein weiteres Argument der Gegner der steinzeitlichen Ernährungsweise ist die Unmöglichkeit, sich heutzutage so oder so ähnlich zu ernähren, wie es die Höhlenmenschen getan haben. Alle Lebensmittel, egal wie bio, regional oder saisonal sie auch sein mögen, haben nichts mehr gemein mit den Nahrungsmitteln aus der Steinzeit. Das haben wir uns selbst zuzuschreiben – Stichwort „künstliche Selektion“. Denn indem der Mensch die Viehzucht und den Ackerbau immer weiter vorangetrieben hat um mit kleinerem Aufwand mehr Erträge zu erzielen, haben wir die Tiere sowie das Gemüse und das Obst, das wir essen, hochgezüchtet.

Den Paleo-Anhängern wird mitunter auch vorgeworfen, die Realität der Steinzeitmenschen zu ignorieren, beziehungsweise sie zu idealisieren. Denn laut jüngster Erkenntnisse waren unsere Vorfahren, nicht wie von den Paleo-Fans angenommen, gesund und stark, sondern durchaus anfällig für gewisse Krankeiten. Arteriosklerose, bei der die Arterien durch Fett und Cholesterin verstopft werden, soll für die frühe Sterblichkeit der Steinzeitmenschen im Alter von maximal 40 Jahren verantwortlich sein.

Umsteigen auf die Paleo-Diät: so geht’s

Wer trotz der Gegenargumente Lust hat, die Paleo-Diät auszuprobieren, aber auch etwas Angst vor radikalen Ernährungsweise hat, dem wird zu eine sanften Umstellung geraten. Felix Olschewski, Autor von „Urgeschmack Einstieg“, der sich unlängst mit seiner These „Vegetarier sind auch Mörder“ einem Shitstorm aussetzen müsste, gibt in seinem Blog eine Anleitung zum schrittweisen Einstieg in die Paleo-Ernährung.

So soll zunächst darauf geachtet werden, regional und saisonal einzukaufen. In einem nächsten Schritt sollen nur hochwertige Tierprodukte aus artgerechter Haltung gegessen werden, ähnliches gilt für Gemüse: frisch, bunt und bio. Ab hier beginnt dann der etappenweise Verzicht: zunächst wird Zucker vom Speiseplan gestrichen, danach Getreide, Pflanzenfett (mit Ausnahmen) und schließlich Milchprodukte.

Paleo für Gourmets: das erste Steinzeitrestaurants

Dass eine Ernährung nach dem Paleo-Prinzip nicht automatisch Verzicht bedeuten muss, das wollen die Betreiber des „Sauvage“, dem weltweit ersten Paleo-Restaurant in Berlin, beweisen. Die Speisekarte klingt auch eindeutig eher nach Gourmet-Essen als nach Höhlenmenschen-Ernährung. Auf dem Menü stehen Fasan mit Speck, Süßkartoffeln und Bohnen, Steak Sauvage aus Charolais-Rind mit Lakritz-Jus und Lammkarree mit Pistazienkruste. Anders als die Steinzeitmenschen müssen sich die Restaurantgäste hier ihr essen nicht selbst jagen und sammeln – und das hat seinen Preis.

Günstig ist das Gourmet-Food im Höhlenmenschen-Stil sicherlich nicht, aber eine Erfahrung wert, wie diverse Blog- und Zeitschriftenartikel berichten.

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Über die Autorin: Sandra hat Publizistik- und Kommunikationswissenschaften studiert. Sie lebt und arbeitet in Berlin. Ihre Leidenschaften sind Nachhaltigkeit, sowie die Unterstützung der nachhaltigen Fischräucherei ihres Bruders. Die passionierte Teetrinkerin ist seit Happy Coffee auch zu einem Kaffee-Fan geworden.


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