Schon in der Kindheit wurde uns gepredigt: Milch ist gut für die Knochen! Und auch heute noch herrscht die Meinung, dass die Milch durch ihren hohen Protein- und Kalziumgehalt gut für unsere Allgemeingesundheit und das Wachstum unserer Knochen ist. Empfehlungen, zum Beispiel des Deutschen Dachverbands für Osteologie, nennen 1000 – 1500 Milligramm Kalzium als tägliche Menge für einen Erwachsenen. Diese Menge erreicht man bereits mit zwei Gläsern Milch. Um diesen Tagesbedarf mit Gemüse zu decken, müsste man fast die doppelte Menge an Brokkoli konsumieren.

NDR-Bericht: Ist Milch ungesund?


Im Bericht Die Milch-Lüge nimmt der NDR den Umgang der Menschen mit Kuhmilch kritisch unter die Lupe. Das gute Image der Milch wird auf einen Prüfstand gestellt: Kann der Verzehr von Milch Krankheiten wie Osteoporose, Neurodermitis oder gar Krebs auslösen? Ist Milch für Erwachsene ungesund? Immer mehr kritische Stimmen äußern sich zum Nutzen oder Schaden von Milch – dennoch: der Konsum von Milchprodukten der Deutschen befindet sich auf einem Rekordnivau.

Volkskrankheit Laktose-Unverträglichkeit

Was vor gerade Mal fünf Jahren noch exotisch war, ist in fast jedem deutschen Supermarkt Alltag: laktosefreie Produkte. Immer mehr Menschen meinen, Milch nicht zu vertragen, weil sie nach dem Konsum von Milch oder Milchprodukten Magenschmerzen, Verdauungsstörungen oder Ausschlag bekommen. Bei laktoseintoleranten Menschen wird der Milchzucker (Laktose), der mit der Nahrung aufgenommen wird, nicht verdaut, weil das Verdauungsenzym Laktase nicht richtig arbeitet. Laut eines wissenschaftlichen Berichts im Journal of the American Dietetic Association leiden sogar bis zu 75% der Weltbevölkerung an einer Laktoseintoleranz, beziehungsweise können im Erwachsenenalter den Milchzucker nicht mehr komplett verdauen – vor allem in Asien vertragen nur sehr wenige Menschen Kuhmilch. Ein  Thema, dass die Ernährungsindustrie zunächst mit Sorge betrachtete, dann aber ganz schnell zu ihren Gunsten nutzte. Mit laktosefreien Milchprodukten ist mittlerweile ordentlich Geld zu verdienen. So gibt es neben laktosefreier Milch mittlerweile Butter, Käse, Joghurt und Quark ohne Milch, jeden Tag kommen neue Produkte auf den Markt. Und die kosten dann gleichmal ein Drittel mehr im Vergleich zu den normalen Milcherzeugnissen.

Kann Milchkonsum Osteoporose verursachen?

Es gibt aber auch Studien, die dem Milchkonsum noch viel negativere Auswirkungen als Magenprobleme zuschreiben. So wurden verschiedene Verbindungen zwischen der Einnahme von Milch bzw. Milchprodukten und negativen Auswirkungen auf die Gesundheit gezeigt. Ein Forschungsergebnis zeigt einen Zusammenhang zwischen Milchkonsum und der Knochenkrankheit Osteoporose. Stimmt das Mantra, das jahrelang von Eltern, Lehrern und Ernährungswissenschaftlern gepredigt wurde, also nicht? Ist Milch etwa nicht gut für die Knochen? Besonders überraschend ist bei den Forschungsergebnissen, dass der Mensch das Kalzium aus der Kuhmilch nicht nur nicht komplett aufnehmen kann, sondern dass die Aufnahme von Milch (vor allem von pasteurisierter Milch) sogar den Kalziumverlust in den Knochen begünstigen kann.

Im NDR-Bericht nennt der Dermatologe Prof. Bode Melnik den Milchkonsum als eine mögliche Ursache für die Knochenkrankheit Osteoporose.  Hohe Überlastungen mit Kalzium sind dafür verantwortlich, dass der Vitamin-D-Spiegel im Körper gesenkt werde – dabei sei Vitamin D aber genau für die Aufnahme von Kalzium in den Knochen und im Darm sehr wichtig. Eine Ironie in sich: der Mensch meint, sich gesund zu ernähren und seine Knochen zu stärken, weil er viel Milch zu sich nimmt und sorgt eventuell gerade dadurch dafür, dass seine Knochen zu schnell abgebaut werden und er krank wird.

So kamen die amerikanischen Wissenschaftler Cumming und Klingenberg durch eine Studie zu dem ernüchternden Fazit, dass ein hoher Milchkonsum gerade in der Jugend dazu führen kann, dass die Knochen im hohen Alter brüchiger werden:

Consumption of dairy products, particularly at age 20 years, was associated with an increased risk of hip fracture in old age.

Case-Control Study of Risk Factors for Hip Fractures in the Elderly American Journal of Epidemiology. Vol. 139, No. 5, 1994

Zusammenhang Milch und Krebs

Manche Forscher gehen noch weiter und nennen einen Zusammenhang zwischen Milchkonsum und Brust- oder Prostatakrebs. Im NDR-Bericht äußerst sich Antje Gahl von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) fast widersprüchlich zu diesen Forschermeinungen: die „Studienlage [sei] hierzu nach wie vor nicht einheitlich“. Denn in ihren Empfehlungen für eine gesunde Ernährung rät die DGE zum täglichen Verzehr von Milch – allerdings nur für gesunde Menschen.

Warum trinken wir Kuhmilch?

Der Mensch ist die einzige Spezies auf der Erde, die die Milch einer anderen Spezies trinkt. Und das tun wir nicht von Anbeginn unserer Existenz, denn der Konsum von Kuhmilch ist nicht etwa, wie vermutet, etwas Natürliches, dass der Mensch schon immer tat. Forscher vom University College in London haben den Zusammenhang von Milchkonsum und Laktosetoleranz auf vor ungefähr 7900 bis 7450 Jahren datiert. Im heutigen Rumänien und Ungarn war es die Linienbandkeramische Kultur, in der zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit Milch vom Menschen konsumiert wurde. Diese Hochkultur brachte, laut Genetiker Mark Thomas, der die Forschungsgruppe leitete, die Zivilisation nach Europa. Und mit ihr begann eine kulturelle Revolution – die Landwirtschaft wurde erfunden und mit ihr begannen die Menschen in Europa im großen Stile, Kuhmilch als Nahrungsmittel aufzunehmen.

Ist Milch ungesund oder gesund?

Das Max Rubner Institut, (ehemals Bundesanstalt für Milchforschung) das dem Bundeslandwirtschaftsministerium unterstellt ist, spricht sich klar für die guten Auswirkungen des Verzehrs von Milch auf die Gesundheit des Menschen aus:  „Wir decken bis zu 60 Prozent unseres Kalziumsbedarfs aus Milch und Milchprodukten“, so der Chemiker Dr. Michael de Vrese. „Vor allem in der Jugend bis 20 Jahre unterstützt Milch den Knochenaufbau, von dem wir dann unser Leben lang zehren. Im höheren Alter kann Kalzium dabei helfen, dass der Knochenabbau verlangsamt und vor allem bei Frauen die Osteoporose hinauszuzögert wird.“ Gerade für Kinder, die sich noch im Wachstum befinden, gilt Milch immer noch als ein guter Kalziumlieferant.

Tierschutzorganisationen wie PETA sprechen sich klar gegen den Verzehr von Kuhmilch aus. Sie nennt als Grund für den Verzicht auf Milch nicht nur die industrielle Herstellungsart, bei der die Kühe „Qualen leiden“, sondern auch negative Folgen für die Gesundheit: […] „die Menschen, die ihre [der Kühe, Anm. d. R.] Milch trinken, erhöhen mit diesem Konsum ihr eigenes Risiko für Herzerkrankungen, Diabetes, Krebs und zahlreiche anderen Beschwerden.“

Wenn Milch, dann aus artgerechter Kuhhaltung

Die Meinungen, ob Milch nun gut oder schlecht für den Menschen ist, sind also heftig umstritten. Unstreitbar ist, dass der verantwortungsvolle Konsument nur Milch kaufen und verzehren sollte, die aus artgerechter Tierhaltung stammt. Denn auch wenn es uns die Werbung immer wieder vorgaukeln will: die Milch, die im Supermarkt größtenteils zu kaufen ist, stammt mitnichten von Kühen, die auf saftigen Weiden ein schönes Leben haben. Die große Nachfrage nach Milch kann nur aus einer industriellen Massenproduktion stammen, die den natürlichen Bedürfnissen der Kuh nicht gerecht wird und zu schweren Krankheiten beim Tier führen kann: Eutererkrankungen, Lahmheit und Fertilitätsprobleme. Zudem perfide ist die Tatsache, dass Kühe die Milch für ihre Kälber produzieren, der Kuhnachwuchs aber bereits nach kurzer Zeit mit Ersatzprodukten gefüttert wird –  es soll ja genügend Milch für den Menschen übrig bleiben.

Alles besser mit Bio-Milch?

Doch auch Bio-Kühe verbringen ihr Leben oftmals im Stall und nicht auf der grünen Wiese. Generell kann man zwar davon ausgehen, dass es Bio-Kühen besser geht als ihren Artgenossen aus konventioneller Haltung. Sie haben bedeutend mehr Platz, sind nicht angebunden und bekommen hin und wieder Auslauf an der frischen Luft. „Frische Luft“ heißt dabei aber nicht automatisch, dass die Kühe im Gras laufen und scharren – oftmals ist es ein offener Stall, wo die Kühe auf einem Holzboden, der mit Stroh ausgelegt ist, ihren Frischluftbedarf decken. Und auch Bio-Kühe produzieren ihre Milch für den Menschen und nicht für ihre eigenen Kälber. So werden, auch bei ökologisch orientierten Betrieben wie zum Beispiel Bioland, die Kälber von ihren Müttern getrennt, damit sie von der Mutterkuh nicht gesäugt werden. Dass dieses Vorgehen nicht natürlich ist, muss nicht extra erklärt werden.

Während zum Beispiel in Irland die Weidehaltung für Kühe weit verbreitet ist, stellt dies in Deutschland noch eine große Ausnahme dar. In Niedersachsen hat Landwirtschaftsminister Christian Meyer gerade ein Weidemilchprogramm gestartet, um dies zu ändern:

Weidehaltung hat ein gutes Image und gehört zu Niedersachsen wie Grünland und Berge, […] Unser Ziel muss es sein, eine artgerechte Weidehaltung zu verbinden mit mehr Umwelt- und Klimaschutz.

Das Weidemilchprogramm ist an eine Grünlandförderung und das Agrarinvestitionsprogramm gekoppelt, mit dem die Weidehaltung gefördert werden soll, subventioniert durch EU-Gelder. Dabei wird einerseits bei Rinderställen ein höheres Tierschutzniveau verlangt und andererseits  für Berg- und Hanglagen eine Weideprämie für extensive Haltung veranschlagt.

Damit können wir gerade in Südniedersachsen eine artgerechte und Landschaft prägende Weidehaltung erhalten und fördern. Dort war der Rückgang der Viehhaltung in den vergangenen Jahren besonders stark.

Wer Kuhmilch guten Gewissens zu sich nehmen will, der sollte darauf achten, dass die Kuhmilch echte Weidemilch ist. Um das zu wissen, reicht das Bio-Siegel allein oft nicht aus. Die Welttierschutzgesellschaft rät dazu, Milch im Hofladen zu kaufen, wo Transparenz über die Haltungsbedingungen der Kühe garantiert wird. Ausführlichere Informationen stellt die Tierschutzorganisation im Milchratgeber bereit.

Alternativen zu Kuhmilch

Wer seinen Milchkonsum reduzieren möchte oder aufgrund von gesundheitlichen Einschränkungen dazu gezwungen ist, der hat heutzutage eine Vielzahl an Möglichkeiten. Alternative Milcharten – die laut Lebensmittelrecht nicht Milch genannt werden dürfen, im täglichen Gebrauch aber so bezeichnet werden, liefern Kalzium und Proteine aus pflanzlichen Quellen. Dabei ist es vor allem die aus Sojabohnen hergestellte Sojamilch, die einen annähernd hohen Eiweißgehalt wie Kuhmilch aufweist. Weitere Alternativen sind Reismilch (hergestellt aus Vollkornreis), Getreidemilch (aus Dinkel, Hafer oder Roggen) und Mandelmilch, die gerade bei Kaffeeliebhabern besonders in ist. Ernährungswissenschaftler warnen allerdings davor, die Alternativprodukte für die Säuglingsernährung zu verwenden, da der hohe Ernährungsbedarf der Kleinkinder damit nicht gedeckt werden könne.

Fest steht: das Thema Milchkonsum und die Meinungen, ob Milch ungesund oder gesund ist, sind höchst umstritten. Für das Wohl der Tiere und den Schutz der Umwelt und des Klimas bleibt zu hoffen, dass sich die Bemühungen um artgerechte Tierhaltung weiter verstärken und ein Umdenken der Verbraucher dazu führt, dass industrielle Massentierhaltung irgendwann nicht mehr so gefragt ist. Weiterführende Forschungen werden zeigen, ob der Mensch im Erwachsenenalter tatsächlich dazu gemacht ist, Milch von Kühen zu trinken – oder ob die Menschheit ihre Ernährung in näherer Zukunft radikal umstellen werden muss.

***

Über den Autor: Christian ist Gründer von Happy Coffee. Neben gutem Kaffee interessiert er sich für fairen Handel, Surfen und die Startup Szene.


Schreiben Sie einen Kommentar

Kommentare werden vor der Veröffentlichung genehmigt.


Vollständigen Artikel anzeigen

Clean Eating
Clean Eating: Alles über die gesunde Ernährung ohne Zucker und Zusatzstoffe

Clean Eating steht für natürliche und unverarbeitete Lebensmittel. Lies hier, wieso dieser Ernährungsstil bunt ist und dein Leben verändern wird!
Vollständigen Artikel anzeigen
Grüner Tee
Wie dir grüner Tee beim Abnehmen hilft

Grüner Tee wird weltweit ein immer beliebteres Getränk, nicht zuletzt wegen seiner vielen positiven Wirkungen auf Körper und Geist. Grüner Tee ist längst nicht mehr nur im Teefachgschäft erhältlich. Ob…

Vollständigen Artikel anzeigen
Kaffee oder Tee?
Kaffee oder Tee: Welches Heißgetränk ist besser für dich?

Kaffee oder Tee sind die ewigen Rivalen. Wo trinkt man Kaffee und wo Tee? Was ist gesünder, macht schöner und wacher? Finde es heraus!

Vollständigen Artikel anzeigen

Kostenloser Brühguide