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Wann hattest du deine letzte Kaffeepause? Damit meine ich nicht einen hektisch im Gehen zu dir genommenen Coffee to Go oder einen am Schreibtisch nebenher weggeschlürften Pott. Nein, sondern das bewusste Niederlegen aller Tätigkeiten, um dir genügend Zeit für eine belebende Tasse Kaffee und vielleicht eine süße oder herzhafte Kleinigkeit zu Essen dazu zu nehmen! Wahrscheinlich ist es schon eine Weile her, oder? Es sei denn, du kommst aus Finnland, dem Land mit dem höchsten Kaffeekonsum der Welt: Dort ist die Kaffeepause quasi ein Heiligtum, das mehrmals pro Tag und zu jeglichem Anlass zelebriert wird, und steht Arbeitnehmern sogar zweimal pro Tag während der Arbeitszeit zu! Geht es um bewusstes Kaffeetrinken, können wir von den Finnen also einiges lernen.

Vielleicht ist die Affinität für das schwarze Gold (neben viel Zeit in der Natur zwischen Wäldern und Seen) ja auch einer der Gründe, wieso die Finnen laut World Happiness Report als glücklichstes Volk der Welt gelten. Genau wissen wir es natürlich nicht, aber guter Kaffee hat ja tatsächlich positive Wirkungen auf Körper und Geist. In diesem Artikel bin ich zusammen mit meiner Co-Autorin Deva, die besonders gern nach Helsinki reist, folgenden Fragen auf die Spur gegangen: Warum trinken die Finnen so viel Kaffee? Wie sieht bei ihnen eine typische Kaffeepause aus? Und was macht die Kaffeeszene dort so spannend? Dazu hat Deva bei ihrer letzten Reise sogar einige Locals befragt.

1. Überraschung: Finnland ist das Kaffeeland 

Finnland steht für Wälder und Seen, lange dunkle Winter mit kurzen hellen Sommern, eher introvertierte Menschen und: Kaffee! Denn in keinem anderen Land auf der Welt ist der Kaffeekonsum so hoch wie in Finnland. Der Pro-Kopf-Verbrauch liegt bei sagenhaften 12 Kilogramm im Jahr und damit bei doppelt so viel wie in Deutschland, wo im Durchschnitt etwa 5,5 Kilogramm Kaffee pro Jahr und Kopf aufbrüht werden. Selbst Italien, von vielen Menschen als das Kaffeeland schlechthin betrachtet, kommt auf „nur“ 6 Kilogramm Kaffee pro Kopf und Jahr.

Bricht man den Kaffeekonsum der Finnen auf einen normalen Tag herunter, landet man bei durchschnittlich mindestens 4 Tassen pro Tag. Das ist nicht gerade wenig und passt zu dem Fakt, dass die Kaffeepause bei den Finnen so einen hohen Stellenwert hat. Aber wieso trinken die Finnen denn überhaupt so viel Kaffee? Das ist einerseits historisch begründet und liegt andererseits an geographischen Eigenheiten, die das Leben im hohen Norden mit sich bringt.

Kaffeepause in Finnland - Kaffeekonsum

2. Liebe auf den ersten Schluck: So kam Kaffee nach Finnland

Kaffeebohnen haben, wie wir wissen, ihren Ursprung in Äthiopien. Von hier aus gelangten sie mit seefahrenden Händlern nach Arabien und eroberten mit der Blütezeit der Kaffeehäuser im 16. Jahrhundert bald ganz Europa. Nach Finnland soll Kaffee laut dem finnischen Magazin Ink Tank erst relativ spät – nämlich im 17. Jahrhundert – über Russland und Schweden gekommen sein, die Menschen dort aber sehr schnell süchtig gemacht haben. Erst kam die reiche Oberschicht in den Genuss des Luxusgetränks und versuchte, es mit hohen Steuern und Importzöllen exklusiv zu halten. Doch die Kaffeebohnen blieben zum Glück in größeren Mengen verfügbar und erschwinglich, und begeisterten schnell die Massen – die sie zu Hause am liebsten selbst rösteten.

2.1 Finnland als Kaffeenation: Light Roasts für die Massen

Im 18. Jahrhundert sollen die Finnen bereits dreimal täglich ihre Kaffeepause zelebriert haben und waren bald Spitzenreiter des europäischen Kaffeekonsums. Diese Liebe nahm zu, als Alkohol im 19. Jahrhundert zeitweilig verboten und Kaffee quasi zur „Ersatzdroge“ wurde. Einerseits fanden die Finnen den Kaffee einfach lecker und (in der Kälte nicht unwichtig) wärmend, andererseits schätzten sie seine gesundheitsfördernden Eigenschaften: Er belebte, half gegen Kopfweh, und schützte das Herz. Deshalb wurde Kaffee anfangs sogar in Apotheken angeboten. Doch möglich machte die mehrmalige Kaffeepause vor allem die Heimröstung, die in Finnland sehr lange von den Haushalten praktiziert wurde.

Früher kauften viele Finnen rohe Kaffeebohnen, um sie zu Hause selbst zu rösten und zu mahlen. Laut einer finnischen (Kaffee)Freundin rührt daher die bis heute vorhandene Vorliebe für Light Roasts, nur leicht gerösteten Kaffeebohnen: Energie war teuer, und man gab sich daher mit dem Minimum an Röstaromen zufrieden.

Im folgenden Bild siehst du die optischen Unterschiede der Röstungen: Rohe Kaffeebohnen, eine nur leicht geröstete Light Roast, und eine stärker geröstete Dark Roast. Dazwischen sind Medium Roasts denkbar. Alle drei Röstarten spielen bei modernen Kaffeeröstereien eine Rolle, werden aber je nach Land unterschiedlich stark nachgefragt.

Kaffeepause in Finnland - Light Roasts

Im zweiten Weltkrieg kam für die Finnen zeitweilig harter Entzug, weil Kaffeebohnen nicht mehr zu bekommen waren. Doch man war erfinderisch und braute mit Zutaten wie Rinde, Rüben, Kartoffelschalen oder Getreide (noch heute für Malz- bzw. Getreidekaffee relevant) allerlei Kaffeeersatz. Trotzdem: Nach dem Kriegsende wurde das erste Handelsschiff mit Kaffeebohnen, das 1946 im Hafen von Turku einlief, frenetisch gefeiert. Seitdem ist die Leidenschaft für die Kaffeepause in Finnland ungebrochen – egal ob allein, in Gesellschaft, pur oder mit Kuchen dazu.

2.2 Finnische Kaffeeröstereien: Lokal statt multinational

Beim letzten Finnland-Trip hat sich meine Co-Autorin Deva etwas umgehört. Einige Finnen vermuteten, dass neben traditionellen Kaffeehäusern wie dem 1852 gegründeten Café Ekberg auch die finnische Kaffeerösterei Paulig bei der Etablierung der Kaffeekultur und natürlich der Kaffeepause eine wichtige Rolle gespielt hat – und es bis heute tut. Die 1876 gegründete Rösterei besitzt nämlich die meisten finnischen Kaffeemarken und bedient rund 90% des heimischen Kaffeemarktes! Dahinter steckt übrigens ein Deutscher namens Gustav Paulig, der neben Salz und Gewürzen auch Kaffeebohnen nach Finnland importierte und mit seiner Rösterei in Helsinki die Szene belebte.

Selbst heute tun sich Ketten wie Starbucks in Finnland recht schwer und sind nur vereinzelt in der Hauptstadt Helsinki zu finden. Denn es gibt vor Ort genügend kleine lokale Röstereien, die den Kaffeedurst der Finnen stillen. Selbst hinter der amerikanisch wirkenden Kette „Robert’s Coffee" steckt die finnische Rösterei Paulig!

Kaffeepause in Finnland - Paulig

Ein Blick in Paulig's Café und Röststube in Helsinki (Fotos: Paulig Kulma)

Paulig ist heute noch immer in Familienhand und nur eine von vielen Röstereien, die nach wie vor auf die typischen Light Roasts setzen. Das ist ebenfalls wie bei finnischen Privathaushalten historisch begründet: Dank heller Röstung konnten die Kaffeebohnen (früher ein Luxusgut) recht günstig in großen Mengen hergestellt werden – weil mehr in kurzer Zeit geröstet und zu günstigeren Konditionen auf den Markt gebracht werden konnte.

3. Die Kaffeepause in Finnland: Ohne geht's nicht! 

Der hohe Kaffeekonsum in Finnland kommt nicht von ungefähr: Keine andere Nation auf der Welt ist so bekannt für das Zelebrieren der Kaffeepause! Sie wird pro Tag mehrmals eingelegt, allein oder gemeinsam, und findet ebenfalls zu den verschiedensten sozialen Anlässen statt. So ähnlich wie bei uns in Deutschland, könnte man denken? Nicht ganz: In Finnland ist die „Kaffepaussi“ (wie es in der niedlich klingenden Landessprache heißt) ein Arbeitnehmerrecht! Und so wie die Eskimos über 50 Bezeichnungen für das Wort „Schnee“ haben, so trifft das auch auf die Finnen mit ihrer geliebten Kaffeepause zu. 

When a baby is born, we drink coffee. When our kids end their school year or graduate, we drink coffee. When one gets a promotion, we drink coffee. When your best friend gets married, we drink coffee. When someone gets divorced, we drink coffee (and mix some strong alcohol like Jaloviina in it). When kids play and set an imaginery coffee table to their friends, moms drink coffee. – Fall into Finnland

Finnland ist mit der Kaffeeaffinität nicht allein, denn auch in anderen Ländern Skandinaviens (ebenfalls unter den Top-Kaffeekonsumenten der Welt) gehört entspanntes Kaffeetrinken zur Lebensqualität. Man denke nur an die Dänen, die mit „Hygge“ gern Gemütlichkeit zu Hause praktizieren; zum Beispiel mit einem warmen Kaffee, selbst gebackenen Kuchen, einem prasselnden Feuerchen im Ofen und den Lieblingsmenschen. Und bei den Schweden heißt die geliebte Kaffeepause mit Kuchen „fika“ – die Umkehrung des Wortes „kafi“ (Kaffee). 

Kaffeepause - Fika, Hygge, Kaffepaussi

3.1 Die finnische Kaffeepause: Bis zu 6 Mal pro Tag!

Den meisten Kaffee trinken die Finnen während der „Kaffepaussi“ im Büro: Sie greifen dann zur traditionell hellen Röstung, die in der klassischen Filterkaffeemaschine in großen Mengen aufgebrüht wird. Im finnischen Arbeitsalltag ist Kaffee so wichtig, dass die Arbeitnehmer dank Tarifverträgen sogar das Recht haben, zweimal täglich eine 15-minütige Kaffeepause während der Arbeitszeit einzulegen. Die Mittagspause geht hingegen manchmal aufs private Zeitkonto.

Allein auf Arbeit trinken die Finnen mindestens dreimal Kaffee pro Tag: Zur Kaffeepause am Vormittag, als "Verdauer" nach dem Mittagessen, und zur Kaffeepause am Nachmittag. Deswegen gehören Kaffeeflecken in belebten Büros dazu, weil wirklich jeder mit einer Tasse Kaffee herumrennt...

Doch auch im Privatleben gehört die Kaffeepause in Finnland dazu. Schon morgens zu Hause beginnt der Tag mit der frisch gebrühten Tasse „kahvi“ – und er leitet ebenfalls den Feierabend ein. Vor dem Ausgehen trinken die jungen Finnen gern Kaffee, um sich den Koffeinkick für das Nachtleben zu verpassen. Und kurioserweise nehmen manche Senioren gern ein Käffchen vor dem Schlafengehen. Darum, so verrät das Magazin Finntastic, gibt es in Finnland auch feste Bezeichnungen für die Kaffeepause je nach Tageszeit: Den Morgenkaffee (aamukahvi), Vormittagskaffee (aamupäiväkahvi), Tageskaffee (päiväkahvi), Nachmittagskaffee (iltapäiväkahvi), Abendkaffee (ltakahvi) und Nachtkaffee (yökahvi)!

Kaffeepause in Finnland - Koffeinkick

3.2 Die Regeln und Sitten der Kaffeepause in Finnland

Die Kaffeepause ist den Finnen also heilig und wer nach Finnland reist, wird zwangsläufig damit konfrontiert. Um bei Gastgebern nicht anzuecken, sollte man ein paar Dinge beachten bzw. wissen – denn es gibt für die „kaffepaussi“ durchaus ein paar Gepflogenheiten!

Kaffee gehört zum guten Ton

Zu wirklich jeder Gelegenheit wird in Finnland Kaffee getrunken. Doch er ist kein Nebenbei-Getränk wie etwa ein Glas Wasser, sondern will in Ruhe genossen werden. Deswegen heißt es ja auch „kaffeepaussi“ und die dauert zwischen 15 und 45 Minuten – oder je nach Anlass auch länger. Coffee to Go? Eher nix für die meisten Finnen, die ihre Kaffeepause daheim oder in guten Coffeeshops lieben. Davon gibt es vor allem in der pulsierenden Hauptstadt Helsinki sehr viele.

Am meisten Kaffee wird in Finnland nicht allein, sondern in Gesellschaft getrunken. Eine schöne Tasse Kaffee bedeutet Wertschätzung anderen gegenüber und gehört zum guten Ton! Darum wird jeder Finne seine Gäste immer mit frisch aufgebrühtem Kaffee empfangen, selbst wenn der Besuch spontan eintrifft. Bei einer Tasse Kaffee werden Beziehungen gepflegt und aufgebaut, Geschäftskontakte geknüpft und jede Menge Feste gefeiert. Eine Hochzeit, eine Taufe oder eine Geburtstagsfeier ohne Kaffee? Einfach undenkbar!

Occasions have their own names in Finnish language: “läksiäiskahvi” (farewell coffee), “mitalikahvi” (medal coffee, when a Finn has won a medal in some sports), “matkakahvi” (travelling coffee). A concept of its own is called “vaalikahvi” (election coffee) which means that after you have voted in some election (parliamentary, presidential etc.), you go to a café for a cup of coffee and a bun. The coffee and bun are kind of reward for a good job. – Jori Korhonen, Barista Institute

Kaffeepause - Gesellschaft

Die festliche Kaffeepause bzw. der Kaffee („kavhi“) hat in Finnland je nach Anlass also sogar eigene Namen. Das ist ein wesentlicher Unterschied zu Deutschland und anderen Ländern, wo Kaffee zu Feiern und sozialen Begegnungen zwar ebenfalls dazugehört, aber irgendwie eine Nebenrolle spielt. Außerdem könntest du dort statt Kaffee auch etwas anderes wie Tee, Wasser oder Saft anbieten – was in Finnland wohl irritierte Blicke hervorrufen würde.

Kaffee und Kuchen gehören zusammen

Jeder weiß: Zu einer ordentlichen Kaffeepause gehört eine süße Kleinigkeit zum Essen dazu! Denn sie balanciert auf der Zunge nicht nur die herberen Kaffeearomen aus, sondern füllt auch den Magen – der die Säure der Kaffeebohnen so noch besser vertragen kann. In Finnland gilt das umso mehr, denn die dort beliebten Light Roasts haben noch etwas mehr Säure als dunkler geröstete Kaffeebohnen. Darum nimmt man zum Kaffee üblicherweise ein süßes Teilchen dazu, und das darf durchaus in die Tasse getunkt werden. Natürlich hat der Finne dafür wieder ein eigenes Wort parat: „kakkukahvi“ heißt so viel wie Kaffee und Kuchen!

Kaffeepause - Zimtschnecke - Pulla

Noch etwas präziser ist allerdings der Begriff „pullakahvi“ – also „Kaffee mit Pulla“ – denn „pulla“ ist die Süßigkeit, die man in Finnland in der Kaffeepause am liebsten hat. Dabei handelt es sich um ein süßes Hefebrötchen, das mal wie eine Zimtschnecke (oder auch ein Hamburger Franzbrötchen) und mal wie ein Milchbrötchen aussieht. Gern wird es mit Kardamom verfeinert und mit Hagelzucker bestreut. Schon in ihrer Kindheit haben die meisten Finnen pulla genascht und lieben es noch heute. Hier ist ein schönes Pulla-Rezept!

Zu einer Tasse Kaffee sagt man nicht nein – und trinkt sie aus

Oberste Regel für die Kaffeepause in Finnland ist, dass du einen angebotenen Kaffee nicht ablehnst – vor allem von einer älteren Person. Das wäre ziemlich unhöflich! Außerdem solltest du die Tasse natürlich immer schön austrinken. In einer größeren Runde wird jeder warten, bis wirklich alle mit ihrem Kaffee fertig sind. Allerdings kann das eine Weile dauern... Denn Nachschenken, das sogenannte „santsikuppi“ (noch ein Tässchen) gehört in Finnland ebenfalls dazu. Falls du nun eine nie leer werdende Kaffeetasse und einen Koffeinschock befürchtest: Es gibt einen Trick!

Ein finnischer Barista empfiehlt, dass man in seinem Land beim Nachschenken des Kaffees lieber nicht „Nein“ sagen sollte. Falls du schon genug hast, dann nimm einfach keine volle Tasse mehr! Bitte stattdessen lieber um eine halbe Tasse (“Ehkäpä vain puoli kuppia”) – sobald die leer ist, wird man dir in der Regel nichts mehr anbieten. Wer allerdings beim Nachschenken immer wieder eine volle Tasse annimmt, gerät in eine „Refill-Endlos-Schleife“ – solange, bist du nur um eine halbe Tasse bittest.

Kaffeepause - Austrinken

Zwei finnische Bloggerinnen verraten, dass Nachschenken selbst in vielen Cafés angeboten wird: Wer in der Kaffeepause eine Tasse Kaffee kauft, bekommt die „santsikuppi“ (zweite Tasse) umsonst. In manchen Cafés ist Nachschenken sogar billiger – du bekommst dann bei jedem Refill ein paar Cent zurück. Kein Wunder, dass die Finnen so kaffeeverrückt sind.

Ehre deine Lieblingstasse(n)

Wer viel Kaffee trinkt, hat natürlich auch eine spezielle Beziehung zur Kaffeetasse. Wir kennen das ja selbst in unserer Heimat, wenn zu besonderen Kaffeekränzchen und Feiern das „gute Geschirr“ aus dem Schrank geholt wird. In Finnland haben manche Familien sogar mehrere Tassen für jede Lebenslage: Zum Beispiel die Alltagstasse, die Tassen für Besuch, und das Premium Service für die ganz großen Feste wie Hochzeiten.

Im Alltag besonders beliebt sind bei den Nordlichtern die Moomin Cups – Kaffeetassen verziert mit den sogenannten Moomins. Um diese Fabelwesen, die mit ihren großen Nasen wie eine Mischung aus niedlichem Nilpferd und Troll aussehen, ranken sich ganze Regale voller Geschichten. Ihre Erschafferin Tove Jansson zählt zu bekanntesten finnischen Schriftstellern der Welt, und ihr Erbe lebt heute auf den Moomin Tassen weiter. Sie werden gesammelt und getauscht, seltene Exemplare sogar für über 200 Euro! 

Kaffeepause - Finnland - Kuksa

Für noch etwas sind die Finnen bekannt: Für ihre Liebe zur Natur und „kuksa“ – das Outdoor Kaffeetrinken. Für die gepflegte Kaffeepause im Grünen setzen die Finnen nicht etwa auf Camping Zubehör, sondern ihre Kuksa Cups (siehe Foto oben): Hölzerne Tassen, die man zwar kaufen kann, sich alle waschechten Finnen aber selber schnitzen. Und das ist natürlich wieder eine Wissenschaft für sich! Ist die Tasse fertig, wird sie in der Natur am liebsten unter einen Kaffeefilter gesetzt.

4. Always coffee o’clock: Warum Finnen die Kaffeepause lieben

Du hast mittlerweile also gemerkt, dass man die Kaffeepause in Finnland wirklich, wirklich sehr ernst nimmt. Es wundert sich keiner, wenn einem Finnen beim Wort „Kaffee“ vor lauter Vorfreude die Augen leuchten und bei Kaffeeduft die Nasenflügel wie bei einem Spürhund zu zittern anfangen. Doch woher kommt die nordische Kaffeeliebe denn eigentlich? Das hat meine Co-Autorin Deva die Finnen in Helsinki gefragt – und im folgenden Video siehst du ihre Antworten, wieso Kaffee manchmal wirklich für uns alle gut ist. 

 

Kaffee macht glücklich

Unsere Autorin Deva fragte also in Helsinki die Finnen, wieso sie so viel Kaffee trinken. Die häufigste Antwort lautete “Gewohnheit”, dicht gefolgt von: “Der lange dunkle Winter ist schuld.” Denn der macht trübe und depressiv, und Kaffee wirkt diesem Gefühlstief positiv entgegen. Kaffee macht uns einfach glücklich – so lautet die These vieler Finnen über ihr Überlebens-Elixier. Wir von Happy Coffee können das natürlich nachvollziehen ;-) Tatsächlich scheint Kaffee nicht nur gesünder zu sein, als viele Menschen denken, sondern wirkt auch wie ein mildes Antidepressivum – er macht uns glücklich und stimmt uns positiv, selbst wenn der Tag früh mit einem endlos langen Meeting beginnt. Das haben Wissenschaftler von der Universität Harvard herausgefunden.

Kaffeepause - Kaffee macht glücklich

Apropos glücklich: Auf den dunklen Winter folgt in Finnland ein kurzer, heller Sommer. Um die Sommersonnenwende wird es zur Zeit der “weißen Nächte“ gar nicht mehr richtig dunkel. Das ist die Wonnezeit der Finnen – und um sie in vollen Zügen zu genießen, lange am Badesee zu bleiben und die taghellen Nächte durchzutanzen, darf eine erweckenden Tasse Kaffee natürlich nicht fehlen. Und ja, im Sommer darf es für die Finnen dann auch mal ein Cold Drip bzw. Cold Brew oder ein Eiskaffee sein!

Kaffee wärmt Körper und Seele

Kaffee ist in Finnland überall dabei: Im Büro, beim Picknick im Wald, bei der Shopping-Tour durch die Stadt und beim Feiern. Einer der Gründe ist ganz praktisch: In Finnland kann es im Winter bis zu – 40 °C kalt werden, und das koffeinhaltige Heißgetränk heizt ordentlich ein. Für die Kaffeepause bei eisigen Temperaturen nehmen viele Finnen z.B. zum Angeln oder bei anderen Outdoor-Aktivitäten gerne einen Thermobecher oder eine Thermoskanne mit. Selbst in der Sauna – bzw. beim Abkühlen im Schnee oder an der Luft – darf eine Tasse „saunakavhi“ nicht fehlen. Außerdem findet man Kaffeespezialitäten mit Alkohol, wie den beliebten Irish Coffee, auf fast jeder finnischen Getränkekarte. Er schmeckt herrlich, wärmt noch mehr und macht fröhlich – beste Voraussetzungen, um nach Feierabend die finnische Nacht zum Tag werden zu lassen.

Kaffeepause - Thermoskanne

Ein Kaffee kann still genossen werden – und das Eis brechen

Nach eigener Aussage sind die Finnen ein eher introvertiertes und in sich gekehrtes Volk. Quasi das Gegenteil zu den teils als übermäßig extrovertiert geltenden Amerikanern!  Eine finnische Autorin erklärt, dass du z.B. auf das in den USA übliche „How are you“ – die gängige Begrüßungsfloskel, die sich nicht wirklich nach dem Wohlergehen erkundigt – in Finnland eher Schweigen ernten wirst. Denn der Finne versteht sie als ernstgemeinte Fragen und grübelt erstmal eine Weile nach, wie es in ihm oder ihr aussieht und was die Antwort sein soll. Auch ihre Kaffeepause haben die Finnen gern im Stillen, selbst mit Gesellschaft:

Silence is something really Finnish and I’ve heard from many tourists that it is the best thing when visiting Finland. I think the most unique thing about Finland is that you can be socially silent. You can have a coffee break with a colleague or a friend together but yet still be totally silent when enjoying your cup of coffee. – Jori Korhonen, Barista Institute

Gerade beim Treffen mit Fremden oder in anderen ungewohnten Situationen hilft es, an einer Tasse Kaffee zu nippen – das gibt dem Finnen genügend Zeit zum Nachdenken, was er oder sie als Nächstes sagen will. Benjamin Andberg, der Inhaber der Helsinki Coffee Roastery, soll sogar gesagt haben, dass die Finnen so gern Kaffee trinken, weil man ja nicht immer Alkohol konsumieren könne. Klingt zunächst komisch, aber ist nicht weiter verwunderlich, wenn man weiß, dass Solotrinken zu Hause in Unterwäsche aka kalsarikannit ein echtes Ding bei den Finnen ist. Und wenn man dann schon einmal ausgeht kann ein Kaffee, so Andberg, ein prima Eisbrecher im Gespräch sein!

Kaffeepause - Kaffee als Icebreaker

Kaffee weckt Erinnerungen und Emotionen

Einer der schönsten Gründe für die Kaffeeleidenschaft der Finnen sind aber die Emotionen und Gedanken an die guten alten Zeiten, die der Geschmack bei ihnen auslöst:

Kaffee knüpft sich an unsere besten Erinnerungen. Als ich ein Kind war, ging ich zum Beispiel im Winter ungemein gerne Eisfischen mit einer Thermoskanne voll gutem, heißen Kaffee in meinem Rucksack. Ich bin auch sicher, dass sich jeder Finne daran erinnert, wo er sich befand, als er zum ersten Mal Kaffee auf der Zunge schmeckte. – Lasse Vidman, finnischer Top Barista

Und da wären wir wieder beim Thema: Kaffee macht uns tatsächlich glücklich! Also leg liebe eine Kaffeepause mehr ein, als eine zu wenig ;-)

5. Finnischer Kaffee heute: Hauptsache gute Bohnen

“Meistens trinken wir schlechten Kaffee” entschlüpfte es einem der Finnen, den unsere Co-Autorin Deva für diesen Beitrag in Helsinki interviewt hat – und der sich dabei nicht filmen lassen wollte. Er bezog sich damit auf den schnell und in rauen Mengen aufgebrühten Kaffee, wie ihn die Finnen im Büro trinken. Allerdings tut sich in der Szene gerade sehr viel! Das erkennt man allein schon am erfolgreichen Helsinki Coffee Festival.

Gute Light Roasts aus gerechtem Handel

Als helle Röstung kann viel Kaffee in kurzer Zeit geröstet und entsprechend günstig auf den Markt gebracht werden. Laut Schätzungen soll Paulig, die größte Kaffeerösterei Finnlands, etwa 1000 kg Kaffee in 5 Minuten rösten! Böse Zungen könnten meinen, dass Quantität vor Qualität steht, wenn Kaffee zu jeder Gelegenheit fast wie Wasser getrunken wird. Doch wer durch Helsinki spaziert, erkennt dass die Themen Specialty Coffee und Micro Roasteries die Finnen immer mehr beschäftigen. Die Trendwende ist also schon längst im Gange! Unter den besten Cafés in Europa tauchen mit Good Life Coffee und Helsingin Kahvipaahtimo (siehe folgendes Bild) immerhin zwei Vertreter aus Finnland auf. Beide rösten natürlich selbst, und zwar nur hochwertige Bohnen in einem schonenden Verfahren.

Kaffeepause in Finnland - Helsingin Kahvipaahtimo

Außerdem treten bei den Konsumenten immer mehr die Herkunfts- und Handelsbedingungen der Kaffeebohnen in den Vordergrund: Immer mehr Finnen möchten lieber weniger, aber dafür guten und fair gehandelten Kaffee trinken. In kleinen Röstereien wie Caffi stehen die Betreiber mit den Kaffeeanbauern selbst in Kontakt und zahlen dank Direkthandel einen Kilo-Preis für die Kaffeebohnen, der über dem Fairtrade-Niveau liegt. Genauso machen wir es übigens auch mit unserem Happy Coffee!

Filterkaffee und gern ein Schlückchen Milch

Experten gehen heute davon aus, dass Light Roasts nach wie vor bis zu 90% des Marktes in Finnland ausmachen. Sie bringen die Charakteristika von Kaffeebohnen aus bestimmten Anbaugebieten besonders gut hervor. Mit dunklen Röstungen wie Espresso kann man in Finnland also scheinbar noch wenig anfangen – und auch espressobasierte Kaffeespezialitäten mit Milch und Milchschaum wie z.B. Cappuccino werden eher selten getrunken. Und wenn, dann nur in Cafés – z.B. im hippen Kuuma oder dem innovativen Date & Kale.

Filterkaffee ist also nach wie vor das Ding der meisten Finnen: Aufgebrüht wird er mit Filterkaffeemaschinen, gern mit guten Modellen wie der Moccamaster, oder mit Kaffeefiltern bzw. Drippern. Diese Art der Zubereitung passt besonders gut zu den Light Roasts, da sie deren blumige bis zitrische Aromen besonders gut zur Geltung bringt. Allerdings muss man auch sagen, dass nicht jede Kaffeebohne gut für die helle Röstung geeignet ist: Manche schmecken als Light Roast zu intensiv, mit zu „grünen“ Aromen, und lassen wegen zu viel Säure und Frucht den Körper und damit die Balance vermissen.

Kaffeepause - Kaffeefilter

Vielleicht nehmen die Finnen genau deswegen in der Kaffeepause gern etwas Milch (aber keinen Zucker) für ihren Filterkaffee, weil sie die Säure etwas ausbremst und den Geschmack runder macht. Heute entdeckt man übrigens wieder den finnischen Egg Coffee, ein altes Rezept, bei dem gemahlener Kaffee mit einem rohen Ei vermischt und aufgegossen wird. Dabei werden die Kaffeepartikel vom Ei gebunden – es betont das Koffein, aber zieht die Bitterstoffe heraus. Damals hat es sicher den Umgang mit Light Roasts erleichtert – heute ist es einfach wieder hip.

Entkoffeinierter Kaffee?! Nein Danke…

Die Finnen lieben den kleinen Hallo-Wach-Kick, für den das Koffein im Kaffee sorgt. Es ist ja der wesentliche Grund, warum Kaffee so eine belebende Wirkung hat. Darum ist Decaf in Finnland kaum gefragt: Entkoffeinierter Kaffee reicht einfach nicht aus, wenn man extra Power braucht, um sich durch den Schneesturm zu kämpfen – oder die weißen Nächte durchzutanzen...

 Titelbild: "kahvihetki jäällä" by VisitLakeland is licensed under CC BY-ND 2.0 

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Über die Autorinnen:

Heidi liebt Kaffee, vor allem in Kombination mit einem gesunden Frühstück. Wenn sie gerade keine Beiträge auf Happy Coffee schreibt, berichtet die Weltenbummlerin auf ihrem Blog meerdavon.com über ihre Reisen.

Mit Latte Macchiato aus dem Porzellan-Espressokocher beginnt für Deva ein guter Start in den Tag. Sie lebt und arbeitet in Hamburg. Neben Kaffee interessiert sie gesunde Ernährung, Tanzen und Surfen. 



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