„Draußen nur Kännchen.“ Dieser Spruch wird so manchem bekannt vorkommen, und er wird ihn womöglich mit dem Kaffeehaus verbinden. Früher kam es dort nicht unbedingt auf die Qualität des Kaffees an und auch nicht auf das Ambiente. Was zählte, war die Menge an Flüssigkeit und der damit erzielbare Preis. Diese Einstellung hat sich in Deutschland zum Glück geändert. Ab den Sechzigerjahren war die Beziehung zum Kaffee dank ausgefuchster Espressomaschinen italienisch geprägt und seit den Neunzigerjahren, mit dem Aufkommen von Starbucks & Co., auch amerikanisch.

Ich weiß nicht mehr, welcher Humorist einst zu Recht behauptet hat, man könne eine Kulturgeschichte schreiben, indem man sich auf die Kultur der Cafés beschränkt.(Léon-Paul Fargue)

Aber gab und gibt es in Deutschland eigentlich echte Kaffeekultur? Ja, durchaus! Letztlich sind unsere heutigen Cafés die Nachfolger bemerkenswerter Kaffeehäuser als beliebtem sozialen Treffpunkt. Kommt mit auf eine Zeitreise der Kaffeekultur in Europa, mit Ausflügen zu den schönsten Kaffeehäusern. Viele kann man heute noch besuchen!

1. Das Kaffeehaus: Wie eine Institution entstand

Beim Gedanken an das Kaffeehaus kommt manchen vielleicht nicht Deutschland, sondern zuerst Wien in den Sinn – laut einer Studie der Vereinten Nationen die angeblich wohlhabendste Stadt der Welt, in der es sich leben und genießen lässt. Doch die ersten Kaffeehäuser gab es nicht dort, sondern in Konstantinopel, also dem heutigen Istanbul.

Private Kaffeekultur hat ihren Ursprung in Afrika

Vor der Etablierung vom ersten Kaffeehaus steht die Entdeckung des Kaffees als schmackhaftem Genussmittel. Darum ranken sich zahlreiche Mythen und Legenden, aber eine der bekanntesten stammt aus Afrika: Hier soll ein Hirte seine Ziegenherde in einem in eigenartig erregtem Zustand aufgefunden haben. Die Ursache war schnell gefunden: Rote Früchte von einem Kaffeestrauch, von dem die Ziegen genascht hatten. Der Hirte erzählte Mönchen davon, und diese reagierten ähnlich ruhelos, nachdem sie im Selbstversuch einen Aufguss aus den Beeren bereiteten und verköstigten.

Kaffeehaus - Kaffeebohnen

Richtig schmackhaft wurde das Gebräu aber erst, nachdem die Kaffeebohnen geröstet und zerkleinert worden waren. Dieses Verfahren beherrschten die Araber ab Ende des 14. Jahrhunderts und in kürzester Zeit zog das dunkle Getränk den gesamten islamisch geprägten Kulturraum in seinen Bann. Genossen wurde es vorerst allerdings nur in privater Runde.

Das frühe Kaffeehaus als Weisheitsschule

Die allerersten Cafés entstanden 1554, als zwei Händler aus Aleppo nach Konstantinopel kamen und jeweils ein eigenes Kaffeehaus gründeten. Innerhalb kürzester Zeit hatten sie so großen Zulauf, dass es bald überall in Konstantinopel solche Häuser gab, in denen Kaffee ausgeschenkt wurde. Damals wurde das Kaffeehaus als Treffpunkte der Geehrten und Weisen auch „Weisheitsschule“ genannt: Angeregt von der berauschenden Wirkung des Kaffees wurden hier kulturelle oder politische Auseinandersetzungen ausgefochten und philosophische Gedanken gesponnen. Oft ging es in den Kaffeehäusern derart lebhaft zu, dass sie hier und da wegen aufwieglerischer Aktivitäten schließen mussten.

Der Beginn der europäischen Kaffeekultur

Schon im darauffolgenden 16. Jahrhundert wurden die ersten Kaffeehäuser in Europa eröffnet, wo sie die Städte prägten und Mittelpunkt des wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Lebens wurden. Der Philosoph Pietro Verri schrieb 1764 in der ersten Ausgabe der Zeitschrift Il Caffè, dass das neue Getränk die geistige Tätigkeit dank seiner „den Geist erweckenden Tugend“ fördere. Diesem Magazin, das in einem Mailänder Kaffeehaus gegründet wurde, sollten fortan Manifeste, Zeitungen und ganze Bücher aus Cafés rund um den Globus folgen.

Kaffeehaus - Kaffeeliteratur

2. Das Kaffeehaus in Österreich: Eine lange Tradition

Aber nun zu Wien als der Metropole, die man am ehesten mit Kaffeehäusern verbindet. Hier gehört das Kaffeehaus ebenso zum Selbstverständnis der Stadt wie das Schloss Schönbrunn, der Stephansdom oder der Prater. 

Was Wiens erstes Kaffeehaus mit einem Spion zu tun hat

Laut einer Legende soll das Gasthaus Zur blauen Flasche das älteste Wiener Lokal sein, in dem Kaffee serviert wurde. Hinter der Eröffnung im Jahr 1687 steckt der Geschäftsmann, Dolmetscher und Spion Kolschitzky, der Rumänisch als auch Türkisch sprach. Wenige Jahre zuvor, als Wien vom türkischen Heer belagert wurde, gehörte er einer polnischen Einheit an. Damals schlug seine große Stunde als Kundschafter: Kolschitzky wagte sich durch die Linien der Belagerer und kehrte mit der Meldung zurück, dass das Ersatzheer bald losmarschieren werde. Es bedeutete die Befreiung von Wien!

Daraufhin wurde Kolschitzky in den Rang des kaiserlichen Dolmetschers erhoben, erhielt eine ständige Besoldung und bekam ein Hofquartier zugeteilt. Vor allem aber erhielt er als Dank für seine Dienste 500 Säcke Kaffee, die die Osmanen auf ihrer Flucht zurückgelassen hatten. Kolschitzky war mit den Gewohnheiten der Araber vertraut und wusste, dass die Bohnen geröstet, zerkleinert und dann mit kochendem Wasser übergossen werden mussten. Diesen Aufguss servierte er im Gasthaus zur blauen Flasche zusammen mit halbmondförmigem Gebäck, um den Sieg über die Türken gebührend zu feiern. So entstand übrigens das in Österreich bekannte Kipferl!

Kaffeehaus Österreich - Kolschitzky Zu den blauen Flaschen", Altwiener Kaffeehausszene, etwa 1900 (Wikimedia Commons).

Diese Geschichte ist ebenso abenteuerlich wie schön, stimmt aber nicht ganz. Denn nach neueren Erkenntnissen wurde das allererste Wiener Kaffeehaus von armenischen Handelsmann Johannes Theodat eröffnet. Erst ein Jahr danach sollen drei ehemalige Kundschafter aus Zeiten der Türkenbelagerung, darunter Kolschitzky, ebenfalls das Privileg des Kaffeeausschanks erhalten haben. Als sogenannte „Hofbefreite“ waren sie 20 Jahre von der Gewerbesteuer befreit.

Das Wiener Kaffeehaus ist Weltkulturerbe

Bis heute ist das Wiener Kaffeehaus ein gewichtiger Teil der Österreichischen Tradition und trägt zum Ruf von Wien als lebenswerter Stadt bei. Dabei reicht die typische Einrichtung von gemütlich-plüschig bis hin zu kühl-stilvoll. Als unabdingbar gelten Thonet-Sessel aus der in Wien ehemals ansässigen Manufaktur und Kaffeehaustische mit Marmorplatten. Es ist durchaus üblich und wird toleriert, dass ein Gast nur einen Kaffee bestellt und damit stundenlang an seinem Tisch sitzen bleibt. Egal, ob er nur ausgiebig die Zeitung studiert, oder sich als Schriftsteller betätigt.

"Coffee and News.." by John Bastoen, CC BY 2.0

Der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig schrieb in seinen Memoiren Die Welt von Gestern über seine Wiener Jugend, dass das Wiener Kaffeehaus „eine Institution besonderer Art darstellt, die mit keiner ähnlichen der Welt zu vergleichen ist“. Und die Welt gibt ihm Recht: Seit 2011 gehört die Wiener Kaffeehauskultur sogar zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO!

Bekannte Wiener Kaffeehäuser 

Den Ruf als Wiege kultureller Aktivitäten begründete in Wien das Café Griensteidl. Dort fanden sich um 1890 die Jung-Wien-Vertreter zusammen, eine Gruppe von Wiener Autoren. Dazu gehörten bedeutende Vertreter wie Arthur Schnitzler sowie Hugo von Hofmannsthal. Nach Abriss des Griensteidl wurde dann das Café Central zum Treff der feinen Künste – mit Stammgästen wie Satiriker Karl Kraus, Literat Peter Altenberg, Journalist Egon Friedell und Revolutionsführer Leo Trotzki. Noch heute erfreut das Café Central im Palais Ferstel Besucher in einer monumentalen Halle im Stil der Neorenaissance. 

Kaffeehaus - Café GriensteidlCafé Griensteidl in Vienna (1896) von Reinhold Völkel (Wikimedia Commons)

Zu den sogenannten Literatencafés zählte später auch das Café Museum. Unter den Stammgästen waren Maler wie Gustav Klimt, Schriftsteller wie Joseph Roth, Komponisten wie Alban Berg sowie die Architekten wie Otto Wagner zu finden. Sucht ihr so ein Kaffeehaus in alter Tradition? Dann ist das Café Sperlnach mehrfacher Restaurierung im ursprünglichen Zustand, eine gute Adresse – oder das Café Prückel mit originalgetreuer 50er Jahre Einrichtung. Nahezu jedem ist wohl die Sachertorte bekannt, jene Wiener Spezialität, die Fürst Metternich vor über 180 Jahren als besonderes Dessert für hochrangige Gäste in Auftrag gab. Noch heute serviert sie das Café Sacher in einem prachtvollen Palais, wo auch das gleichnamige Hotel ist. Hier vermitteln die mit rotem Damast bespannten Wände eine elegante Atmosphäre.

Kaffeehaus - Kaffee Alt-WienCafe Alt Wien, Wien, Innenraum von Philipp Hummer / www.ninc.at (CC BY-SA 3.0 DE)

Übrigens wird in vielen der klassischen Wiener Kaffeehäuser, zu denen neben den oben genannten ebenfalls das Café Ritter und das Café Diglas zählen, abends Klavier- bzw. Livemusik gespielt. Einige wie Café Drechsler und Kaffee Alt-Wien haben sogar bis weit nach Mitternacht geöffnet und locken Nachschwärmer an.

Bekannte Kaffeehäuser bei Österreichs Nachbarn

Prächtig geschwungene Deckenleuchten und viel Blattgold zeichnen das Café New York in Budapest aus, das aus der Blütezeit des 19. Jahrhunderts stammt. Über drei Etagen war und ist es beliebter Treffpunkt der ungarischen Kunst- und Theaterszene.

Auch Tschechiens Hauptstadt Prag hat aus Habsburger Zeiten einige erwähnenswerte Adressen für Kaffeefreunde zu bieten. Ein Beispiel ist die Konditorei Mysak mit mehreren Salons, die sich hinter der kubistischen Fassade verbergen. Nachdem das 1911 gegründete Kaffeehaus erst enteignet und später ganz geschlossen wurde, knüpfen seit Kurzem neue Besitzer an alte Traditionen an. Bekannt für seine Tortenkreationen ist das Café Savoy, wo man im Untergeschoss durch eine Glaswand einen Blick in die Backstube werfen kann – Serviert wird einen Stock höher.

Kaffeehaus - Café SavoyInnenansicht vom heutigen Savoy (Foto: Café Savoy)

Wer auf den Spuren der Kaffeekultur in Prag wandeln will, kommt an den Lesecafés wie dem Café Louvre nicht vorbei. Hier lagen schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts immer in- und ausländische Zeitungen aus, und sie waren Treffpunkt der Prager Schriftsteller und Künstler. Beispielsweise verkehrten Weltautoren wie Franz Kafka im Kavarna Slavia. Voller Stolz sind in diesem Kaffeehaus Fotos von ihnen Fotos ausgestellt und schmücken die Wände. 

3. Das Kaffeehaus in Italien: Dolce Vita

Nun zu dem Land, das man wie kein anderes mit Kaffee verbindet: Natürlich Italien! In Venedig servierten Wasser- und Eisläden schon im 17. Jahrhundert Kaffee und 1720 folgte das erste Kaffeehaus. Früher war es als Caffè alla Venezia Trionfante bekannt, heute findet man es als Caffè Florian – benannt nach seinem Gründer Floriano Francesconi.

Caffè Florian: Das bekannteste Kaffeehaus von Venedig

Schnell wurde das Caffè Florian beliebter Treffpunkt der Venezianer, und bald gab es auf dem Markusplatz 30 Kaffeehäuser. Ins Florian ging man, um das Neueste aus der „Gazetta Veneta“ zu erfahren. Außerdem war das Café Brennpunkt politischer und kultureller Aktivitäten. Die Idee zu Venedigs Biennale wurde im Caffè Florian geboren! Auf der Terrasse spielte ein Orchester und innen fanden sich viele kleine, düstere Räume: Mit vielsagenden Namen wie Chinesischer Salon, Griechischer Salon, Senatssaal oder Gemäldegalerie.

Kaffeehaus - Caffé FlorianSala Cinese, Caffè Florian von S.A.C.R.A. srl, CC BY_SA 4.0

Bis heute gilt das Florian – zumindest, wenn es nicht gerade Touristenscharen stürmen – als eines der schönsten Cafés der Welt. Ein leicht modriger Duft, Patina an Wänden und Decke sowie ein etwas morbider Charme gehören als Zeitzeugen der vergangenen Jahrhunderte einfach dazu. Genau wie die Dekoration, die immer noch aus der Ära stammen könnte, in der Casanova Stammgast war. Weitere illustre Gäste waren italienische Künstler wie Komödiant Carlo Goldoni oder Landschaftsmaler Francesco Guardi, aber auch internationale Weltautoren wie Goethe, Byron und Proust.

Heute sind im Caffè Florian mehrere Espressomaschinen in Gebrauch, die wie messingverzierte Kunstwerke aussehen. Sie gehören nicht zur Originalausstattung, aber immerhin ist der hier ausgeschenkte Kaffee ausgezeichnet. Beim Preis von fast 6 Euro für den Espresso und 9,50 Euro für den Cappuccino darf man das erwarten! Dank dem bunten Menü ist das Florian eine Caffè-Bar und keine Espressobar. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die Espresso-Dynastie Lavazza 1990 einen Raum aufwändig restaurieren ließ.

Vom Kaffeehaus zu italienischen Café-Bars

Im 18. Jahrhundert begannen sich in ganz Italien Caffè-Bars anzusiedeln. Auch hier übernahmen sie von Anfang an die Rolle literarischer und kultureller Zirkel. Das erste moderne Kaffeehaus dieser Art soll 1760 das Caffè Grecoin Rom gewesen sein – eines der Monumente Roms und dem Kolosseum oder Trevi-Brunnen absolut gleichgestellt. Angeblich wurde es von einem gewissen Nicola della Maddalena gegründet, der griechische Wurzeln hatte. Hier gingen Staatschefs und Päpste ein und aus, sowie Persönlichkeiten aus der Literatur, Musik und den bildenden Künsten. Dazu zählten Mark Twain und Schopenhauer, Mendelsohn und Wagner, als auch Gogol und Baudelaire. Goethe und seine Freunde hatten im Greco sogar eigenen Tisch! Ungefähr so könnten sie zusammen gesessen haben...

Kaffeehaus - Caffè GrecoKünstler im Cafe Greco in Rom (1856) von Ludwig Passini (Wikimedia Commons).

Heute wird der Mokka im Caffè Greco von Kellnern in altmodischen Fräcken auf einem kleinen rechteckigen Tablett serviert, zusammen mit einem Glas Wasser. Wer dort ist, kann sich in einem der Säle die Sammlung von Büchern und Zeugnissen zur Geschichte der Kaffeehaus-Kultur in Italien ansehen.

Weitere sehenswerte Traditions-Cafés in Italien sind das San Eustachio in Rom, das Caffè Pedrocchi in Padua, das Degli Specchi in Triest, das Caffè Mulassano in Turin und das Caffè Rivoire in Florenz.

4. Das Kaffeehaus in Frankreich: Kunst im Café

Auch in Paris waren das Kaffeehaus seit dem 17. Jahrhundert Zentrum des intellektuellen, künstlerischen und politischen Lebens - was sich bis ins 21. Jahrhundert fortsetzt. 

Café de la Paix: Ein historisches Kaffeehaus 

Das Café de la Paix im 9. Arrondissement ist das älteste erhaltene Kaffeehaus von Paris und eines der bekanntesten Cafés der Stadt. Schon zur Weltausstellung 1867 war es bei den Gästen en vogue und die Nähe zur Oper lockte Persönlichkeiten wie Schriftsteller Oscar Wilde und Ernest Hemingway, den Opernkomponisten Jules Massenet oder Ikonen wie Josephine Baker an. Der Bildhauer Frédéric-Auguste Bartholdi hat hier sogar Teile der Skizzen seines berühmtesten Werks – der New Yorker Freiheitsstatue – angefertigt. 

Kaffeehaus - Café de la PaixGlanz und Gloria im französischen Kaffeehaus (Foto: Café de la Paix)

Das Café de la Paix ist im Stile des Second Empire eingerichtet und in mehrere Räume unterteilt. Nach der ersten Renovierung, gegen Ende des zweiten Weltkriegs, wurde es leider von einer deutschen Granate getroffen, doch Angestellte bekamen das Feuer schnell gelöscht. Das Café de la Paix blieb wohlerhalten und wurde 1975 vom französischen Kulturministerium als historisches Monument eingestuft. Nach einer neuen und aufwendigen Renovierung strahlen die goldenen Säulen und Fresken heute wieder in altem Glanz.

Die Ära der Pariser Künstlercafés

Die Blütezeit der Pariser Künstlercafés liegt im 19. und 20. Jahrhundert, als Paris die kulturelle Hauptstadt der Welt war. Aus dieser Zeit stammte das Café Guerbois, das fast aussah wie eine kleine Pfarrkirche und eigentlich nur aus einem niedrigen Saal bestand. In ihm scharte sich Mitte der Sechzigerjahre ein Künstler- und Schriftstellerkreis um die Integrationsfigur Édouard Manet, der sein Atelier in der Nähe hatte. Zu diesem Kreis gehörten Romancier Émile Zola sowie die Maler Auguste Renoir und Claude Monet. Die im Café Guerbois geführten Diskussionen gipfelten in theoretischen Grundlagen dessen, was später „Impressionismus“ genannt werden sollte.

Kaffeehaus - Café Guerbois Manet"Interior of a café" (1880) von Edouard Manet (Wikimedia Commons)

Allerdings verliefen die Diskussionen nicht immer ruhig. 1870 stritten sich der Maler Eduard Manet und der Schriftsteller Edmond Duranty so sehr, dass sie sich zum Duell verabredeten. Zum Glück verstanden beide nichts vom Fechten. So floss kein Blut und schon am selben Abend trafen sie sich im Kaffeehaus wieder als beste Freunde. Später gesellten sich noch weitere Künstler dazu. Später verewigte Manet das Guerbois sogar in seinem Gemälde "Intérieur de café" und Émile Zola beschreibt es (namentlich getarnt) in einem Roman. Später zog die Künstlerschar ins Café de la Nouvelle Athènes um, einem kleinen unauffälligen Lokal in der Pigalle. Auf Degas Im Café sieht man die Schauspielerin Ellen Andrée auf der Terrasse vom Kaffeehaus sitzen.

Montmarte als kreativer Nabel von Paris

Anfang der Achtzigerjahre erlebte Montmartre seinen Aufschwung. Das Chat Noir entwickelte sich zum Treffpunkt der literarischen Crème de la Crème. Es war im Louis-XIII-Stil dekoriert, mit Teppichen an den Wänden, bunten Schildern und einem verrückten Durcheinander von Gegenständen. Massive Möbel und riesige Stühle waren von Nippes aller Art umgeben, Brustpanzer, Zinnkrüge, Kannen und Waffen – eine illustre Mischung aus Kitsch und Kunst. Die Gäste müssen sich wie auf einem Trödelmarkt gefühlt haben... Genauso bunt war auch das Publikum: Eine wild zusammengewürfelte Schar an Börsenmaklern und Modeverkäufern, Journalisten und Zuhältern, gemischt mit Persönlichkeiten aus allen gesellschaftlichen Schichten. Dazu gehörte der Erbauer des Sueskanals, Ferdinand de Lesseps, der Schauspieler Coquelin, der Dichter Maurice Donnay und Tausendsassa Émile Zola.

 „Ich fand schon immer, dass man den schönsten Blick auf Paris vom Montmartre aus hat. (...) In diesem Viertel hält sich jeder für einen Künstler. Die Nachbarn sind keine Nachbarn, sondern Künstler, die Künstlergespräche führen. In Montmartre lebt man wie ein Künstler - und die Künstler gehen ins Bistro. In den Bistros habe ich die meisten meiner Dialoge aufgeschnappt und ganz sicher die schönsten Anregungen zu meinen Filmen erhalten.“ (Claude Lelouch, März 1998)

Kaffeehaus - Cafés in Montmartre

Erwähnenswert und ebenso typisch für das Montmarte Panorama war das Café du Tambourin, wo Vincent van Gogh 1887 eine Ausstellung organisierte. Die eingeladenen Maler, darunter Paul Gauguin, Émile Bernard und Henri de Toulouse-Lautrec, beteiligen sich mit eigens für diesen Anlass gefertigten Bildern. Als wenig später die Besitzerin Madame Segatori Ärger mit der Polizei wegen einer mysteriösen Angelegenheit bekam, die niemals aufgeklärt wurde, musste das Café schließen. Doch noch heute ist Montmarte allein wegen des Flairs einen Besuch wert! 

In welchem Kaffeehaus man sich heute in Paris trifft

Zwischen den Weltkriegen war Montparnasse für Maler und Schriftsteller der Nabel der Welt: Guillaume Apollinaire, Ernest Hemingway, Pablo Picasso und Marc Chagall gingen ins Le Select, ins Le Dome, in die La Rotonde oder ins La Coupole. Noch heute kann man hier auf ihren Spuren wandeln.

Kaffeehaus - Deux MagotsRuhige Stimmung im Deux Magots (Foto: Deux Magots)

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam das Viertel Saint-Germain-des-Prés in Mode. Die Künstler und Intellektuellen versammelten sich fortan im Floré oder im Deux Magots, wo Jean-Paul Sartre und Simone De Beauvoir schrieben und ihre Bewunderer empfingen. Diese Cafés sind heute Treffpunkt von Literaten und allen, die sich für solche halten, vor allem aber von Touristen aus aller Welt. Getrunken wird, wie überall in Frankreich, der Milchkaffee – der nicht unbedingt besonders geschmackvoll ist, an dem man sich aber ein bis zwei Stunden gut festhalten kann.

5. Das Kaffeehaus in Deutschland: Gut Ding will Weile haben

Deutschland ist hinter Skandinavien zweitgrößter Kaffeekonsument Europas, aber nicht gerade für Kaffeehaus-Kultur bekannt. Es scheint an der Herstellung zu liegen: Wo die praktische Filtermethode verbreitet ist, ist offenbar der Kaffeeverbrauch größer. Dann wird Kaffee quasi „gegen den Durst“ getrunken. So nahmen und nehmen die Deutschen den Filterkaffee gerne in häuslichem Ambiente ­– zum ausgiebigen Frühstück oder nachmittags mit Kuchen – zu sich.

Kaffee in Deutschland: Lange Zeit ein Heimgetränk

Gegenüber Österreich, Italien und Frankreich hielt Kaffee im biertrinkenden Deutschland relativ spät und zögerlich Einzug. Dabei waren die ersten Europäer, die von der Existenz des Kaffees erfuhren, die Deutschen – durch einen Reisebericht des Augsburger Botanikers Lenhart Rauwolf im Jahr 1582. Den ersten Kaffeeausschank gab es ein Jahrhundert später in Bremen, gegründet vom Holländer Jan Dantz. 1677 war Hamburg an der Reihe, mit aus England gelieferten Bohnen. Folgerichtig war es auch ein britischer Immigrant, der 1769 das erste Kaffeehaus der Hansestadt eröffnete. Ein paar Jahre später wurde am Hofe des Kurfürsten von Brandenburg erstmals Kaffee serviert.

Kaffee Zuhause

Aber schon 1777 forderte Friedrich der Große seine preußischen Untertanen in einem Manifest auf, von Kaffee abzulassen und wieder zum Bier zurückzukehren. Es wurden sogar Kaffeespione eingesetzt, die sofort melden mussten, wenn jemand heimlich weiter Kaffee trank. Vielleicht ist das der Grund, warum die Deutschen bis heute Kaffee gern zu Hause trinken. Lange Zeit war er ein typisches Heimgetränk, mit dem man Besuch empfing – so entstand übrigens der "Kaffeeklatsch".

Kaffeehauskultur in deutschen Künstlerhochburgen

Weimar und Leipzig waren die ersten Städte, wo Kaffee akzeptiert wurde – nicht zufällig die künstlerischen und kulturellen Hochburgen ihrer Zeit. Bach, Mozart, Hölderlin, Kant, Beethoven, Humboldt und Goethe – wenn er nicht in Venedig im Caffè Florian weilte – tranken in Leipzig oder Weimar ihren Kaffee. Das Getränk wurde 1964 in Leipzig bei Eröffnung der berühmten Messe ausgeschenkt, und 1711 gab es dann insgesamt acht Cafés.

Kaffeehaus - Leipzig Messe "Leipzig, Herbstmesse, Café"  (1972) von Helmut Schaar / Deutsches Bundesarchiv, CC BY-SA 3.0 DE

Mitte des 19. Jahrhunderts wurden dann Kaffeehäuser für bestimmte Berufsstände eingerichtet. So hatte in Berlin jede Innung und jede Zunft ihr eigenes Kaffeehaus, in dem Standespolitik betrieben wurde. Auch die Literaten hatten ihr eigenes Café. Im Café des Westens (auch Café Größenwahn)am Kurfürstendamm verkehrten Else Lasker-Schüler, Richard Dehmel, Franz Werfel, Gottfried Bann, sowie die Maler Franz Marc und Oskar Kokoschka. 1989 trafen sich diskutierende Dissidenten im Mockauer Keller in Leipzig ­– einer Kirche, die zum offenen Café umgebaut worden war – und am Ende gab es keine Mauer mehr in Deutschland. 

"Ich bin nun zwei Abende nicht im Café gewesen, ich fühle mich etwas unwohl im Herzen. Dr. Döblin kam mit seiner lieblichen Braut, um eine Diagnose zu stellen. Er meinte, ich leide an der Schilddrüse, aber in Wahrheit hatte ich Sehnsucht nach dem Café …“ (Else Lasker-Schüler: Mein Herz)

Kaffeehaus - Café RiquetLeipzig - Riquethaus von Fred Romero, CC BY 2.0

Heute sind einige erwähnenswerte Kaffeehäuser bereits Gesichte: Etwa die ehemalige Konditorei Dobrin, das Café National in Berlin, über das Hoffmann von Fallersleben eigens eine Hymne schrieb, oder das Kaffeehaus Zum Stern in Braunschweig, wo Gotthold Ephraim Lessing verkehrte. Manche der klassischen Etablissements gibt es aber heute noch: Wie das Berliner Café Wien, das Café Riquet in Leipzig oder die Café Hauptwache in Frankfurt.

Espressobars in Deutschland: Ist das noch Kaffeehaus-Kultur?!

Mit Beginn der Reisewelle nach Italien, vor etwa 50 Jahren, entdeckten die Deutschen Espresso für sich. Typisch italienischer caffè faszinierte sie derart, dass sie den ersten "richtigen" Espresso oder Cappuccino gleich hinter dem Brenner einnahmen. So entwickelten sich neben dem Kaffeehaus, wo „draußen im Kännchen“ serviert wurde, eine weitere Institution: Die Espresso-Bar. Mit der Segafredo-Bar an der Münchner Oper bekam Deutschland 1989 sein erstes Stehcafé als Versuch, italienische Lebensart und Café-Kultur zu verbreiten. Heute gibt es landesweit 78 Segafredo-Bars und weitere in Österreich, Holland und Frankreich. Doch auch andere Kaffeedynastien wie Lavazza, Illy, Nannini und Poccino mischen in dem Geschäft mittlerweile mit.

Kaffeehaus vs Espressobar

Mit dem Kaffeehaus haben diese Espresso-Bars in Deutschland aber nicht viel gemein. Im Espressocafé wird Kaffee in kleinen Tässchen mal eben im Stehen heruntergeschluckt. Im Kaffeehaus hingegen lässt man sich Zeit, liest die Zeitung, spielt oder unterhält sich – alles mit Gemach. Dennoch sind inzwischen Espressobars nach amerikanischem Vorbild sehr beliebt: Mit moderner Musik, Pastellfarben, Pappbechern, Aromasirup, Bagels und Muffins. Für den dort ausgeschenkten Coffee-to-Go braucht man offenbar kein Kaffeehaus mehr. Dabei grenzte bis zum Jahr 1970 an ein Wunder, in Amerika überhaupt eine gute Tasse Kaffee zu bekommen.

Erst der holländische Röster Alfred Peet brachte die Kalifornier auf den Geschmack eines guten Arabicas, und drei seiner Bewunderer gründeten die Firma Starbucks in Seattle. Mit 1600 Ladencafés allein in den USA ist das Unternehmen eine echte Kaffeeinstitution geworden. Wie das Interieur ist bei Starbucks aber auch das Produkt dem amerikanischen Geschmack angepasst: Es gibt viel Milch mit wenig Kaffee oder Cafe Americano, Espresso mit Wasser gestreckt. Genauso haben die boomenden To-Go-Angebote herzlich wenig mit Kaffeehaus-Kultur gemein.

Kaffeehaus - Genuss

Es ist kein Wunder, dass es in Italien bis heute kein einziges Starbucks-Café gibt, obwohl dort jedes Jahr sechs Milliarden Tassen Espresso serviert werden. Das entspricht einem Umsatz von 6,6 Milliarden Euro! Denn wenn ganze Generationen mit dem Kaffeehaus aufgewachsen sind, dann will man diese Tradition eben nicht mehr missen.

6. Ohne das Kaffeehaus wäre die Welt eine andere

Wer vom Kaffeehaus spricht, hat Wien im Kopf, Paris, Venedig, Rom oder Prag. Dort prägten die Kaffeehäuser das Leben und die Kultur. Hier entstanden Zeitungen, Bücher, Zeichnungen und Gemälde, vor allem aber Ideen zur zeitgenössischen Kultur, der Politik und dem Leben allgemein. Ohne die Institution Kaffeehaus wäre die Welt heute unbestritten eine andere! Manche der alten Cafés haben sich bis heute gehalten, mehr oder weniger glücklich renoviert oder restauriert. Inzwischen sind es Relikte der Vergangenheit, die manchmal einem Museumsbesuch ähneln – weil dem Ambiente mindestens genauso viel Aufmerksamkeit gilt, wie ausgeschenkten Getränken.

Titelbild: Café Schwarzenberg, Wien Wien von Andreas.poeschek / Viennaphoto (CC BY-SA 2.0 AT)

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Über den Autor: Edgar von Crossart ist Kaffeefan, seit er in seiner Studienzeit eine italienische Handhebelmaschine von Pavoni geschenkt bekam. Lange Jahre war der Drehbuchautor, Filmemacher und Industriefilmer beim WDR und SWR, wo er z.B. Serienfolgen für den Tatort und SK-Kölsch schrieb. Auchdie viel beachtete ARTE-Dokumentation "Espresso, Geschichte einer heißen Leidenschaft" stammt aus Edgars Feder.


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